Montag, 22. Oktober 2018

Ein Jahr vor dem Brexit Wie ein Unternehmer den Brexit managen würde

Brexit: Großbritannien muss in einem Jahr die EU verlassen. Ein funktionierendes Innovationsmanagement, das ein "Stopp" bei sich verändernden Rahmenbedingungen auslösen würde, haben die Brexiteers nicht

Noch ein Jahr bis zum Brexit: Laut EU-Vertrag muss Großbritannien am 29. März 2019 die EU verlassen. Die Politiker auf beiden Seiten haben noch viel Arbeit vor sich - und könnten einmal simulieren, wie ein Unternehmer den Brexit managen würde.

Angenommen, Sie sind Geschäftsführer der BREXIT GmbH. BREXIT steht für Ihr revolutionäres neues Geschäftskonzept: Burger Ranch at the Exit. Ihre Idee: In den kommenden zehn Jahren entstehen mehrere hundert Kilometer neuer Autobahnen. An jeder zehnten Ausfahrt möchten Sie eine Burger Ranch eröffnen - im amerikanischen Stil mit Spielplatz für Kinder und Übernachtungsmöglichkeiten im Western-Stil. Sie haben alles genau durchgerechnet:

  • Die Grundstückspreise an den künftigen Autobahnausfahrten sind günstig,
  • der Fleischkonsum ist in den vergangenen Jahren ständig gestiegen und
  • Erlebnisrestaurants werfen eine überdurchschnittlich hohe Rendite ab.

Der Weg für ein erfolgreiches BREXIT-Imperium scheint geebnet. Ihre Gesellschafter stimmen begeistert zu.

Dummerweise verändern sich dann die Rahmenbedingungen: Kaum werden die ersten Pläne für den Autobahnbau öffentlich, steigen die Grundstückspreise um das Vierfache. Nach einem neuen Fall von Rinderwahnsinn sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch dauerhaft um dreißig Prozent.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
    www.jens-uwe-meyer.de

Der Trend zur Erlebnisgastronomie gerät ins Wanken, nachdem eine große Restaurantkette überraschend Insolvenz angemeldet hat. Und zu allem Überfluss werden die ersten Autobahnen dort gebaut, wo überhaupt keine Familien reisen. Die Rahmenbedingungen haben sich dramatisch verändert.

Sie aber bleiben standhaft: "BREXIT means BREXIT".

Dass die BREXIT GmbH ein ähnlich großes Desaster wird wie der politische Namensvetter aus Großbritannien scheint jedem klar. Sie aber wollen unbedingt als standhaft gelten. Denn Sie haben im Hinterkopf: Ein CEO steht zu seinen Entscheidungen. BREXIT means BREXIT!

Was in der Wirtschaft als Sturheit gilt, heißt in der Politik "Standhaftigkeit"

Entscheidungen, die die Zukunft betreffen, werden immer auf Basis von Annahmen getroffen: Wie werden sich bestimmte Märkte entwickeln? Welche künftigen Kundenbedürfnisse zeichnen sich ab? Welche generellen Lebens- und Konsumtrends werden sich in den nächsten drei bis fünf Jahren auf Märkte auswirken?

Unternehmen, die Entscheidungen über Investitionen in Innovationen treffen müssen, haben für solche Szenarien ein Innovationsmanagement etabliert, das Sie vor dem BREXIT-Desaster bewahrt.

Statt stur geradeaus zu rennen - auch wenn sich die Rahmenbedingungen ändern - wird immer wieder eine Frage gestellt: Sind die Annahmen, unter denen wir die Entscheidung getroffen haben, heute noch die Gleichen? Wenn nicht: Stopp!

Anders in der Politik: Was in der Wirtschaft als Sturheit interpretiert wird und zur Entlassung des Top Managements führt, gilt in der Politik als Standhaftigkeit.

Brexit means Brexit. Dabei haben sich die Annahmen und Rahmenbedingungen, unter denen der Entschluss gefasst wurde, längst geändert:

  • Der Brexit wird ein Schnäppchen. So jedenfalls dachten die Briten, als sie zur Abstimmung gingen. Das dachten sich die Gründer der Brexit GmbH auch. In beiden Fällen wurde es viel teurer als erwartet. Der Unterschied: Unternehmer stoppen den Wahnsinn, Bürokraten nicht.
  • Brexit wirft hohe Gewinne ab. Das dachten sich sowohl die Briten wie auch die Gründer der BREXIT GmbH. Dummerweise - und das ist in jedem Innovationsprozess normal: Je näher die Umsetzung rückt, desto konkreter werden die Zahlen. Manchmal wird aus einem scheinbar goldenen Business Case ein Millionengrab. Für die BREXIT GmbH höchste Zeit den Kurs zu korrigieren. In der Politik nicht. Immer weiter geradeaus.

Es ist eines der großen Probleme der Politik, dass sie scheinbar reaktionsunfähig ist, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Das System des Euro Börsen-Chart zeigen , das in den vergangenen Jahren für Negativschlagzeilen sorgte, wurde in den 90er Jahren entwickelt. Unter der Annahme, dass Märkte und Entwicklungen linear stabil in eine Richtung weisen. Trends wie der digitale Wandel und die Finanzkrise von 2009 waren im Plan nicht vorgesehen.

Natürlich steht das System heute auf wackeligen Beinen. Es war ja unter anderen Annahmen entwickelt wurden. Dummerweise passen sich die Annahmen nicht der Planung an. So wie beim Brexit. Stur geradeaus. Es erinnert an die alten Durchhalteparolen von Erich Honecker: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" Führungsstärke heißt sich nicht beirren zu lassen.

Das Positive: Der Brexit ist ein perfektes Lehrbeispiel

Nun da der Brexit nicht mehr zu verhindern scheint, blicken wir auf die positiven Seiten: Es gibt kaum ein Beispiel dafür, wie unternehmerisch unsinnig Führungskräfte handeln können. Der Mensch lernt aus Positiv- und Negativbeispielen. Der Brexit wird Generationen von Managern und Unternehmern als Lehrbeispiel dienen, wie man es nicht macht.

In zehn Jahren werden sich Wirtschaftshistoriker damit auseinandersetzen, wie es - obwohl doch alle wussten, dass der Brexit wirtschaftlich unsinnig ist - zu einem solchen Desaster kommen konnte. Unter diesem positiven Aspekt gesehen möchte man fast hoffen, dass Theresa May bei ihrem Mantra bleibt: Brexit means Brexit.

P.S.: Die BREXIT GmbH hat sich unterdessen ein neues Geschäftsfeld gesucht.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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