Donnerstag, 24. August 2017

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Erste virtuelle Staatswährung Ecuador will sich mit Mobilgeld von Dollar-"Zwangsjacke" befreien

Präsident Rafael Correa: Beitrag zur "solidarischen Volkswirtschaft"

Modelle für mobile Bezahlsysteme gibt es viele. Aber dass ein Staat virtuelles Geld erschafft, ist neu. Ecuador geht diesen Schritt - ausgerechnet ein Land, das seine eigene herkömmliche Währung zugunsten des US-Dollar aufgegeben hat.

Hamburg - Mit virtuellen Währungen hat Ecuador schon Erfahrung. Seit 2009 wird ein Teil des regionalen Handels mit Partnerländern wie Bolivien oder Venezuela in der neuen Einheit Sucre abgewickelt - die genauso heißt wie die frühere ecuadorianische Landeswährung, die zum großen Bedauern des heutigen Präsidenten Rafael Correa in einer großen Zahlungsbilanzkrise 1999 zugunsten des US-Dollar aufgegeben wurde.

Seitdem ist der Andenstaat in Gelddingen abhängig von den USA, mit denen er ansonsten oft über Kreuz liegt - ob es um die Bezahlung alter Auslandsschulden, die Ölförderung durch US-Konzerne im Amazonasgebiet oder um den Schutz für Wikileaks-Mitgründer Julian Assange geht. Den Dollar als Zahlungsmittel wieder abzuschaffen, weiß der unter anderem in den USA ausgebildete Ökonom Correa, ist nicht so einfach.

Jetzt aber sieht er die Chance, zumindest einen Teil der monetären Souveränität wiederzubekommen. Bis zum Jahresende plant die Ecuadorianische Zentralbank, die sich ansonsten vor allem auf das Prägen von (mit Dollars gedeckten) Centavo-Münzen beschränkt, eine ganz neue Währung für mobiles Bezahlen einzuführen.

Ein Mobiltelefon hat fast jeder, ein Bankkonto nur jeder Zweite

Movistar, die örtliche Filiale des spanischen Telefonkonzerns Telefónica Börsen-Chart zeigen, wurde im August als erster privater Partner präsentiert, der staatliche Anbieter CNT macht ohnehin mit. Nun soll noch Claro, der Mobilfunkanbieter von Telefónica-Rivale América Móvil, dafür gewonnen werden. In einer Präsentation (PDF) über das "elektronische Geldsystem" (Sistema de Dinero Electronico, SDE) macht Zentralbanker Fausto Valencia eine einfache Rechnung auf: Ein Mobiltelefon hat fast jeder der 15 Millionen Bürger, ein Bankkonto aber nur jeder Zweite.

Wenn die Ecuadorianer nun mit ihren Telefonen bezahlen können und der Staat für die flächendeckende Akzeptanz des neuen Zahlungsmittels sorgt - woran es bei den meisten privaten Initiativen weltweit bisher hapert - ließe sich "der Armutskreislauf durchbrechen" und die "solidarische Volkswirtschaft" voranbringen, verspricht die Präsentation. Das Magazin "Takepart" erinnert an das in Kenia und anderen ostafrikanischen Ländern erfolgreiche Mobilgeld M-Pesa.

Könnte Ecuador sich damit auch von seinen sonstigen Geldfesseln lösen, in Dollar konvertibles Geld aus dem Nichts schöpfen und damit am Ende gar die Stabilität der US-Währung unterminieren?

Etwas nebulös spricht der "Economist" von "Nervosität in manchen Kreisen", weil die Kontrolle über das virtuelle Geld erstmals von einem Staat statt von privaten Firmen ausgeübt werde. Damit hebt sich Ecuador von den Versuchen à la Apple Börsen-Chart zeigen, Amazon Börsen-Chart zeigen oder Google Börsen-Chart zeigen ab, einen Standard fürs mobile Bezahlen zu etablieren - ebenso wie von privaten Initiativen, die im Internet Alternativwährungen wie Bitcoin erschaffen haben.

Die Währung solle zwar von Bareinlagen der Nutzer in Dollar gedeckt werden, "manche" fürchteten aber, der Staat könne versucht sein, die Gelegenheit zur Geldschöpfung zu nutzen und seinen eigenen Schuldendienst erleichtern. Correa tut solche Bedenken als "Unsinn" ab - in demselben barschen Ton, in dem er die Dollar-Bindung als "Zwangsjacke" bezeichnet.

Um den Dollar aufzuweichen, müsste die Ecuadorianische Zentralbank sich auch ganz schön ins Zeug legen. Die Volkswirtschaft des Landes leistet trotz starken Wachstums nicht mehr als 90 Milliarden Dollar pro Jahr, die umlaufende Geldmenge wird mit 35 Milliarden Dollar angegeben. Solche Beträge brachte die US-Zentralbank Federal Reserve zuletzt monatlich mit ihrem "Quantitative Easing" zusätzlich in Umlauf - ohne die Stabilität des Dollars sonderlich zu erschüttern.

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