Freitag, 25. Mai 2018

Tony Prophet, Chief Equality Officer von Salesforce "Die amerikanische Tech-Industrie hat ein Sexismus-Problem"

Tony Prophet: "Die US-Tech-Industrie hat ein ernsthaftes und superkomplexes Problem"

Das Magazin Fortune hat den Softwarekonzern Salesforce gerade zu einem der zehn glaubwürdigsten US-Unternehmen in Sachen Diversity gekürt. Der Cloud-Anbieter und Microsoft-Angreifer aus San Francisco (8,4 Mrd. Dollar Umsatz, knapp 30.000 Mitarbeiter) hat sogar schon Standorte in Bundesstaaten geschlossen, deren Politik zulasten von ethnischen oder sexuellen Minderheiten Gründer Marc Benioff gegen den Strich geht. 2016 installierte Salesforce mit Tony Prophet einen "Chief Equality Officer", der Diversity noch tiefer im Konzern verankern soll.

mm: Herr Prophet, Vielfalt sei gut für Unternehmen, heißt es. Woran liegt es dann, dass auch nach Jahren der Diskussion so gut wie nichts vorangeht und etliche Praktiker der Diversity-Diskussion längst müde sind?

Tony Prophet: Ich sehe keine Müdigkeit. Meiner Ansicht nach sind wir gerade in der Phase des Erwachens. Die amerikanische Tech-Industrie, aus der ich komme, realisiert erst seit kurzem, dass wir hier ein wirklich ernsthaftes und sehr , superkomplexes Problem haben.

mm: Sie meinen den Sexismus der Branche...

Prophet: ... und die mangelnde Präsenz von Frauen in unserer Industrie, die damit zusammenhängt.

mm: Die Diversity-Beauftragte von Apple Börsen-Chart zeigen , Denise Young Smith, eine angesehene Vertreterin ihrer Zunft, hat gerade das Handtuch geworfen. Ex-Google-Programmierer James Damore, der wegen Sexismus gefeuert wurde, läuft herum und klagt, das Silicon Valley beschneide die Meinungsfreiheit. Kriegen die Diversity-Befürworter die Widerstände nicht mehr in den Griff?

Prophet: So groß, wie Sie es schildern, sind die Widerstände nicht. Wir bei Salesforce jedenfalls halten die meisten Mitarbeiter Diversity Equality für ein extrem wichtiges Zukunftsthema. Ungerechte Behandlung in jedweder Form ist ein Thema, das jedes Unternehmen und jede Führungskraft angehen muss.

mm: Es mangelt nicht an Trainings, Mentorenprogrammen, flexiblen Arbeitszeiten, Workshops gegen unbewusste Vorurteile. All das bieten große Unternehmen in den USA und in Deutschland nicht erst seit gestern an. Trotzdem schaffen Frauen, die größte Adressatengruppe all dieser Maßnahmen, es immer noch kaum in Führungspositionen. Warum ist der Fortschritt so zäh?

Prophet: Um einen echten Wandel herbeizuführen, müssen die CEOs vorweggehen. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob ein paar fortschrittliche Personalmanager Initiativen starten oder das Thema von der Spitze getrieben wird. Und genau das tun wir bei Salesforce Börsen-Chart zeigen jetzt. Wir wachsen extrem schnell und ein gesundes Unternehmen mit einer starken Kultur kann nur entstehen, wenn verschiedene Backgrounds, Meinungen und Interessen vertreten sind. Es ist von höchster Bedeutungkönnen uns nicht mehr leisten, dass wir keine Talente auszuschließen, die nicht der weißen, männlichen, heterosexuellen Norm entsprechen.

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mm: Und darum hat man Sie im September 2016 zum ersten Chief Equality Officer von Salesforce gemacht?

Prophet: Ich kam zu Salesforce, um das Thema Gleichbehandlung bei Salesforce und dem gesamten Ökosystem des Unternehmens voranzutreiben. Genau wie ich betrachtet auch Salesforce Diversity nicht als irgendein akademisches, non-profit-orientiertes "nice to have", sondern als einen zentralen Baustein unseres Geschäfts.

mm: Sie sind kein Personaler...

Prophet: ... stimmt, ich habe bei Microsoft Börsen-Chart zeigen und vorher bei Hewlett Packard operative Bereiche Milliardenumsätze verantwortet. Marc Benioff wollte jemanden, der den Respekt der Industrie besitzt.

mm: Wie gehen Sie vor?

Prophet: Ich fördere die Gleichbehandlung auf vier Ebenen: gleiches Gehalt, gleiche Ausbildung, gleiche Chancen und gleiche Rechte. Wir analysieren unsere Prozesse mit Hilfe der ohnehin im Unternehmen erhobenen Daten und machen Ungleichheiten sichtbar.

Gehalt ist ein gutes Beispiel: Zwei unserer weiblichen Führungskräfte haben das Thema der gleichen Bezahlung angesprochen und vorgeschlagen zu untersuchen, ob wir hier ein Problem haben. Deshalb haben wir die Gehälter weltweit verglichen, um unerklärbare Unterschiede aufzudecken. Das Ergebnis war, dass wir einige Gehälter angepasst haben - sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

mm: Und weiter?

Prophet: In Gruppen, die von Mitarbeitern organisiert werden, bringen wir unterschiedliche Teammitglieder zusammen. Dort sprechen Weiße mit Schwarzen und Männer mit Frauen über ihre Karrieren und profitieren von den Erfahrungen der jeweils anderen: Was bedeutet es zum Beispiel, als schwarze Frau in der Tech-Industrie zu arbeiten? In solchen Runden entwickelt sich Empathie. Daraus lernt man am meisten.

mm: Könnte ein Programmierer wie James Damore von Google Börsen-Chart zeigen auch bei Salesforce arbeiten? Er hat argumentiert, die Unterrepräsentanz von Frauen in der Tech-Branche beruhe auf biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern."

Prophet: Wir bestehen auf einer Kultur, die frei von Feindseligkeiten ist und wo sich jeder Mitarbeiter wertgeschätzt und gleichberechtigt fühlen kann. Dies ist der Kern unserer Kultur und auch so in unserem Verhaltenskodex definiert. Wenn wir Verhalten erkennen, dass diesen Werten nicht entspricht, handeln wir entsprechend. Wir sind nicht perfekt; es wäre dumm zu sagen, so etwas könnte uns nicht passieren. Aber wenn es passieren würde, würden wir diesen Mitarbeiter auffordern, unser Unternehmen zu verlassen. Wer so denkt, zerstört die Wurzeln unserer Kultur.

mm: Kultur - das ist auch so ein Wort, unter dem Unternehmen alles und nichts verstehen können.

Prophet: Das ist mir zu zynisch. Salesforce hat sich bei der Gründung vor 18 Jahren als Basis unserer Zusammenarbeit vier zentrale, zeitlose Werte gegeben. Diese Werte sind nicht korrumpierbar und kein Alibi.

mm: Um welche Werte geht es konkret?

Prophet: Wachstum, Innovation, Vertrauen und Gleichheit. Gleichheit und ein vertrauensvoller Umgang besitzen den gleichen Rang wie unsere operativen Werte, das ist extrem wichtig. Und wir reden auch nicht von Vielfalt, sondern tatsächlich von Gleichheit: Wir wollen Ungleichheit bekämpfen. Unsere Kultur trägt den Namen Ohana, das stammt aus der Sprache Hawaiis und meint eine familienähnliche Gemeinschaft. In die beziehen wir alle unsere Stakeholder mit ein: Kunden, Partner, Investoren, Mitarbeiter und unser gesamtes Ökosystem. Jeder von ihnen kann sich auf diesen Begriff berufen und sagen: Hey, diese Aktion oder dieses Verhalten ist nicht Ohana. Das schafft eine sehr hohe Verbindlichkeit.

mm: Sie reden über Gleichheit und Diversity auch mit Ihren Kunden?

Prophet: Salesforce richtet einmal im Jahr die "Dreamforce" aus, eine der wichtigsten Software-Messen der Welt und unser zentrales Kundenevent. In den letzten zwei Jahren haben wir einen ganzen Tag dem Thema Gleichheit gewidmet. Wir wollen zeigen, dass wir nicht nur für die Cloud-Technologie und Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz stehen, sondern auch für Arbeitnehmerrechte und für Diversity. Es reicht nicht, nur die Interessen der Aktionäre zu bedienen. Auf Dauer erzielen Unternehmen bessere Resultate, wenn sie alle Interessengruppen in den Blick nehmen.

mm: Salesforce nutzt seinen wirtschaftlichen Einfluss auch gegen die politische Diskriminierung von Minderheiten. Warum?

Prophet: Der Zweck von Unternehmen beschränkt sich nicht auf die Maximierung des ökonomischen Nutzens. Firmen können helfen, Zukunft konstruktiv zu gestalten. Regierungen und NGOs schaffen das nicht allein. Deshalb haben wir in mehreren US-Bundesstaaten Veranstaltungen abgesagt und mit dem Abzug von Investitionen gedroht, um gegen repressive Gesetze gegen sexuelle Minderheiten zu protestieren.

mm: Macht die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten Ihre Arbeit härter?

Prophet: Ich möchte die Widerstände nicht an einer einzelnen Person festmachen. Wir sehen derzeit überall auf der Welt Kräfte am Werk, die jetzt lauter sagen, was sie vermutlich schon immer gedacht haben. Aber es wird sich zeigen, in drei oder 30 Jahren: Sie lagen falsch.

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