Freitag, 29. Juli 2016

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Müllers Memo Chinas gigantischer Wirtschaftsdeal droht zu platzen

Statue des jungen Mao in der Provinz Hanan: Chinas Wirtschaft wurde extrem abhängig vom Export und hat über Jahre zu viel investiert. Die Folgen sind nun unübersehbar - Überkapazitäten in der Industrie, Preisverfall, leer stehende Immobilien, Schulden.

Lange galt Chinas Wirtschaftsmodell als ernsthafte Alternative zur westlichen Marktdemokratie - eine fruchtbare Verbindung von wirtschaftlicher Dynamik und weiser staatlicher Planung. Die aktuelle Krise entlarvt die Schwächen.

"China hat eine Generation Zeit, um reich zu werden. Die Pekinger Führung wird deshalb alles tun, um das Wachstum auf Touren zu halten." Zwei Sätze, der sich mir eingeprägt haben, gesprochen vom Chefstrategen eines der größten Staatsfonds der Welt. Knapp zehn Jahre ist das her; ich hatte ihn zu einem vertraulichen Gespräch in einem Londoner Hotel getroffen. Die Pekinger Führung, sagte er, werde um jeden Preis die Wirtschaft stützen, solange bis irgendwann die Alterung der Gesellschaft einsetze und das Wachstum bremse.

Damals, 2006, diskutierten wir die Frage, wie lange China wohl noch den Wechselkurs seiner Währung manipulieren und das gigantische Handelsdefizit der USA finanzieren werde. Seine Antwort: sehr lange. Hauptsache Wachstum, Hauptsache Jobs, Hauptsache steigende Einkommen - auf dass es die Herrschaft der Kommunistischen Partei sichere.

Es war ein dreiseitiger Deal - zwischen der Führung, dem chinesischen Volk und der globalen Businesselite. Die Führung versprach den Chinesen Wohlstand, die im Gegenzug auf demokratische Freiheitsrechte verzichteten. Ein stabiles Arrangement, das globale Investoren so glaubwürdig fanden, dass sie bereit waren, große Summen darauf zu setzen.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Tatsächlich war das chinesische Modell lange Zeit enorm erfolgreich. Es entwickelte globale Strahlkraft, stieg gar zur Systemalternative zur westlichen Marktdemokratie auf, gerade in afrikanischen Ländern, aber auch unter deutschen Industriemanagern. Der entfesselte Kommandokapitalismus chinesischer Prägung schien beides zu verbinden: marktwirtschaftliche Dynamik und weise, vorausschauende Planung durch versierte Technokraten.

Und jetzt das: Die chinesischen Börsen schmieren ab, Kapital fließt ins Ausland, und die Behörden wirken kopflos. Diese Woche brachen sie gleich an zwei Tagen den Handel ab, um den freien Fall der Kurse zu stoppen. Großen Investoren verboten sie zunächst, Papiere zu verkaufen. Dann machten sie die Entscheidung rückgängig, nur um sie kurz darauf abermals zu revidieren. Vertrauenserweckend ist das nicht gerade. Die Marktturbulenzen, meinen denn auch die Volkswirte der Commerzbank, seien weniger darauf zurückzuführen, dass es der chinesischen Wirtschaft objektiv schlechter gehe als bislang bekannt, sondern darauf, "dass die Anleger zunehmend daran zweifeln, ob die chinesische Führung die Wirtschaft und die Märkte weiter erfolgreich steuern kann".

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