Montag, 26. September 2016

Kanadas neuer Premier auf Werbetour in Europa Wird dieser Mann der neue Barack Obama?

Kurzer inniger Moment: Justin Trudeau mit Frau Sophie Gregoire - nach dem Wahltriumph in Montreal. Der Politiker hat sich ein ambitioniertes Programm vorgenommen. Er kündigte an, die Steuern für Reiche zu erhöhen und viel Geld in die Infrastruktur zu stecken, um die Wirtschaft anzukurbeln. Er versprach "nicht nur einen Regierungswechsel, sondern eine bessere Regierung".

Was Justin Trudeau, 44 und seit November kanadischer Premier, eindeutig noch nicht kann: Reden so vom Teleprompter ablesen, dass sie nicht wie abgelesen wirken. Die Hände einigermaßen ruhig zu halten, womöglich sogar seriös falten, während er sich erklärt. Auf Fangfragen von Journalisten in die Sprachschatulle greifen und Sätze zusammenkleben, die ihn in das nächste Thema retten.

Justin Trudeau wird das lernen.

Entscheidender wird sein, ob er erfolgreich umsetzen kann, was ihn derzeit ziemlich einzigartig unter den Anführern der G-7-Nationen macht und wovon die außeramerikanische Wirtschaftselite auf den Weltwirtschaftsforum in Davos erstmals eine Kostprobe bekam: Schwerer Optimismus und unverbrauchter Reformeifer.

Natürlich hänge Kanadas Wirtschaft zum großen Teil am Öl. Aber die Zukunft gehöre nachhaltigem, umweltfreundlichem Wirtschaften. Er wolle "clean growth".

Selbstverständlich sei die Flüchtlingskrise ein Problem. Aber Kanada profitiere von den neuen Kanadieren. "Diversität ist der Motor des Wachstums."

Und natürlich sei das alles auch eine Herausforderung, aber für eine gute Regierung nun auch wirklich keine Überforderung. Und er werde eine gute, tatkräftige Regierung führen. Er muss vor allem eine erfolgreiche führen: Denn Kanadas Wachstum darbt.

Trudeau schwimmt in Davos gegen den Strom: Er will den aktiven Staat

Sein Rezept ist so ziemlich das genaue Gegenmittel dessen, was die vielen Topmanager, Politiker und Wissenschaftler auf dem Forum vertreten: Trudeau will den aktiven Staat. "Viele Regierungen planen Einschnitte und einen Sparkurs, ich stehe für das Gegenteil."

Das klingt alles vertraulich nach dem "Yes, we can" und "change", mit dem Barack Obama in das Weiße Haus kam. Auch Trudeau positionierte sich im Wahlkampf wie Obama erfolgreich als Straßenpolitiker - obwohl das bei ihm etwas schwieriger war, weil er - anders als der Ex-Sozialarbeiter Obama - aus einer Politikerfamilie kommt; sein Vater Pierre war ebenfalls Premier Kanadas.

Trudeau gibt den Idealisten. Die bewegen sich immer in gefährlicher Nähe zur Naivität. Trudeau scheint genügend Abstand zu haben: Auf die Frage, ob er nicht fürchte, bei Terroranschlägen in Kanada seinen flüchtlingsfreundlichen Kurs ändern zu müssen, stotterte er erst bedenklich, legte sich dann aber klugerweise weder auf ein "Ja" noch ein "Nein" fest, sondern sprach, dass man "Sicherheit" und "Werte wie Offenheit" immer gut ausbalancieren müsse.

Und die Ansage vom starken Staat hindert Trudeau auch nicht, sich in Davos mit Topmanagern von Shell, Microsoft, Facebook oder ABB zu treffen. Da muss sich Trudeaus Optimismus dann privatwirtschaftlich auszahlen. Sonst wird auch die stärkste Regierung wenig ausrichten können.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH