Samstag, 18. November 2017

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Chinas Aufstieg zur Technologiemacht Von der Fabrik der Welt zum Labor der Welt

Shenzhen: Das High-Tech-Zentrum Chinas

Wolfgang Hirn

Zehn Jahre kostenloses Wohnen in einer 200-Quadratmeter-Wohnung und dazu noch bis zu einer Million Dollar Taschengeld - das spendiert die Regierung der Stadt Shenzhen ausländischen Wissenschaftlern. Man sollte aber freilich den Nobelpreis gewonnen haben, was den Empfängerkreis der Wohltaten etwas einschränkt. Trotzdem bietet die Behörde auch anderen klugen Köpfen jede Menge finanzieller Incentives, damit sie in diese boomende Nachbarstadt Hongkongs kommen.

Shenzhen ist das High-Tech-Zentrum Chinas. Hier haben die Technologiekonzerne Huawei (Telekommunikation), Tencent (Internet) und DJI (Drohnen) ihre Headquarters. Und um diese Giganten herum hat sich eine riesige Start-Up-Landschaft entwickelt, die von einer wuchernden Venture-Capital-Szene mit viel Geld versorgt wird.

Vor allem Shenzhen hat Uber-Gründer Travis Kalanick im Blick, wenn er prophezeit: "In den nächsten fünf Jahren wird es mehr Innovationen in China geben als im Silicon Valley." In Shenzhen, aber auch in Beijing und rund um Shanghai sind in den vergangenen Jahren Kopien des amerikanischen Originals entstanden. Viele Chinesen haben - und da sind sie den Amerikanern nicht unähnlich - einen entrepreneurial spirit.

China ist deshalb mitten in einem dramatischen Wandel: Aus der Fabrik der Welt wird zunehmend das Labor der Welt. In zentralen technologischen Zukunftsfeldern will China führend sein oder zumindest weltweit mitmischen. Das ist der Anspruch der chinesischen Führung, den große wie kleine Unternehmen umzusetzen haben.

In welchen Bereichen setzen chinesische High-Tech-Stars derzeit zum großen und globalen Sprung an?

  • Künstliche Intelligenz: Hier sind zunächst einmal alte Bekannte wie die beiden Telekom-Konzerne Huawei oder ZTE unterwegs. Huawei hat einen Forschungsetat von knapp zehn Milliarden Dollar. Das Ziel des Ausrüsters, der erst in den vergangenen Jahren Handys in seine Produktpalette aufnahm, sind Geräte, die - wie der Mensch - schmecken, riechen, hören und sehen können. Aber auch kleinere Unternehmen wie die Shanghaier Softwarefirma Zhizhen Network Technology ist schon weltweit führend. Zhizhens Spracherkennungssystem Xiaoi Robot bietet inzwischen den US-Konkurrenten Apple Börsen-Chart zeigen (Siri) und Amazon Börsen-Chart zeigen (Echo) Paroli.
  • Drohnen/Roboter: Hier hat China hochfliegende Pläne und mit DJI - Dajiang Innovations - bereits einen Weltmarktführer. 2006 in einer Studentenbude gestartet, hat das Unternehmen inzwischen drei Fabriken in Shenzhen, Vertriebsbüros in Los Angeles und in Frankfurt. Sein Börsenwert wird heute auf zehn Milliarden Dollar taxiert. Der kleinere Konkurrent Ehang arbeitet an Drohnen, die Personen befördern können. Das US-Magazin Forbes fragt ängstlich: "Hat China den Drohnenkrieg schon gewonnen?"
  • Präzisionsmedizin: Sie ermöglicht eine maßgeschneiderte Therapie des Patienten, da sie sich an den molekularen Merkmalen seines Tumors orientiert. Diese personalisierte Medizin, die zu einer Wunderwaffe in der Krebsbekämpfung werden könnte, ist einer der Schwerpunkte im laufenden Fünf-Jahres-Plan der chinesischen Regierung. Zu beachten sind hier vor allem die beiden noch relativ jungen Unternehmen iCarbonX (in Shenzhen) und WuXi NextCode (in Shanghai).
  • Fintech: In keinem Technologie-Bereich ist China dem Westen so weit voraus wie bei den Online-Angeboten von Bank- und Versicherungsprodukten. Das bestätigte eine gerade erschienene Studie der Citigroup. Vorreiter sind hier die Bezahlsystem der Internetgiganten Alibaba Börsen-Chart zeigen und Tencent/WeChat. Aber auch hierzulande nahezu unbekannte "Unicorns" (Technologieunternehmen mit einer Bewertung jenseits der Milliarde Dollar) wie lu.com (Bewertung: 18,5 Milliarden Dollar), Zhong An Insurance (acht Milliarden) oder LaKala (1,6 Milliarden) gehören zu den führenden Anbietern.

All diese Firmen und Trends gilt es zu beachten und zu beobachten. Die Zeiten, dass China nur kopieren kann, sind längst vorbei. Wir müssen - auch wenn das manchem schwer fällt - erkennen, dass China auch Vorreiter von technologische Entwicklungen sein kann. Wer das kapiert, kann dann auch - warum nicht andersherum - kopieren. Wie titelte doch das Technologiemagazin Wired kürzlich: "It's Time to Copy China."

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