Freitag, 14. Dezember 2018

Der China-Manager Das größte Investitionsprogramm der Welt

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In einem Tag mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Berlin nach Beijing? Klingt verrückt. Klingt nach ganz, ganz ferner Zukunft. Aber ein solcher Schnellzug von Europa nach Asien ist nicht realitätsfern. Er könnte Teil eines gigantischen Projekts sein, das die chinesische Regierung im Moment ausheckt. Die Herren in Beijing schnüren in diesen Monaten ein gigantisches Investitionspaket, das hierzulande bislang kaum wahrgenommen wurde und das die Welt zwischen Asien und Europa gravierend verändern könnte. Zudem wird es die Transportzeiten zwischen Asien und Europa dramatisch verringern.

Einen Namen hat das Paket schon: "One Belt, One Road", kurz: OBOR. Es besteht aus zwei Teilen: Erstens dem "Silk Road Economic Belt", den Staats- und Parteichef Xi Jinping zum erstenmal im September 2013 in einer Rede in Kasachstan propagierte, und zweitens der "Maritime Silk Road", die er einen Monat später im indonesischen Parlament ankündigte. Zu Land und zu Wasser soll durch große Infrastrukturprojekte Asien mit Europa verbunden werden. Also eine Wiederbelebung der legendären Seidenstrasse, auf der einst Chinesen, Europäer und Araber regen Handel trieben. Damals waren Tiere die Transportmittel, heute sind es Lastwagen, Schiffe und Züge.

Wolfgang Hirn
Deshalb sollen zwischen Asien und Europa Strassen, Häfen und Bahnlinien gebaut werden. Da diese durch teilweise unwirtliches Gelände und über lange Strecken führen, sind die benötigten Investitionssummen gewaltig. Aber vor allem die Chinesen - schließlich ist es ja auch ihre Idee - sind bereit, viel Geld zur Verfügung zu stellen. Der chinesische Staat will Hunderte von Milliarden Dollar ausgeben. Die China Development Bank will 890 Milliarden Dollar bereitstellen, die Bank of China100 Milliarden Dollar.

Die beiden soeben - auf chinesische Initiative hin - gegründeten Entwicklungsbanken, die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) und die New Development Bank der Brics-Staaten, werden sich ebenfalls mit Milliarden-Summen an dem Seidenstrassen-Projekt beteiligen. Und interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ja auch die EU gerade ein Infrastrukturprogramm über 315 Milliarden Euro aufgelegt hat. Da bieten sich viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit an. Zufall oder nicht: Die Europäische Investitionsbank (EIB) hat kürzlich ein Büro in Beijing eröffnet.

Warum ist China bereit, für dieses Projekt, das derzeit permanent und nahezu penetrant durch die Medien in China wabert, Billionen auszugeben?

Es gibt einen wirtschaftlichen und einen politischen Grund. Der wirtschaftliche: Chinas große Infrastruktur-Branchen - ob Bau, Stahl, Zement, Verkehr - leiden an Überkapazitäten, weil die heimische Wirtschaft schwächelt. Aufträge aus dem Ausland können die Schwächen zum Teil kompensieren. Denn ob Strassen, Häfen oder Bahnstrecken in Afghanistan, Kasachstan, Pakistan oder Ungarn gebaut werden - Chinas Firmen werden immer beteiligt sein.

Bedeutender ist jedoch das politische oder - besser - das geopolitische Motiv der chinesischen Führung: Sie sichert sich als Big Spender Einfluss in seinen Nachbarländern und vor allem auch in Zentralasien, wo übrigens der große amerikanische Rivale nicht oder nur kaum vertreten ist. Offiziell verneint China, dass die Initiative ein geopolitisches Instrument sei. Es sei auch kein neuer Marshall-Plan. China stelle keine Bedingungen bei seinen Milliarden-Investitionen. Die Beschwichtigungen stoßen bei manchen Ländern entlang der neuen Seidenstraße auf Skepsis, zum Beispiel in Indien. Russland hingegen scheint sich mit Chinas Seidenstrassen-Plänen zu arrangieren. Da treffen sich Chinas Ambitionen mit Putins eurasischen Gedankenspielen, zumal der Westen Russland mit seiner Anti-Putin-Politik diesen in die Arme Chinas treibt.

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Um Skepsis zu zerstreuen, wirbt Chinas Führungsspitze in einer regen Reisediplomatie für seine OBOR-Initiative. Staatschef Xi Jinping war deshalb kürzlich in Moskau, Almaty (Kasachstan) und Minsk (Weißrussland), Regierungschef Li Keqiang in Brüssel. Li war Ende 2014 auch auf dem 16+1-Gipfel in Belgrad, wo sich 16 osteuropäische Staaten mit China austauschten. Dort wurde auch über den Bau einer neuen Eisenbahntrasse von der Ägäis bis nach Mitteleuropa gesprochen. Mit der Strecke Belgrad - Budapest soll zunächst mal angefangen werden.

Es sind bislang nur Puzzleteilchen: Hier eine Eisenbahnstrecke, dort eine Straße. Noch fügen sich diese nicht zu einem ganzen, einheitlichen Bild zusammen. Aber Chinas Bürokratie arbeitet daran. Nächstes Jahr wird China mit der Planung des gigantischen OBOR-Projekts beginnen. Die Implementierung soll dann ab 2021 beginnen und sich bis 2049 erstrecken. 2049 ist ein magisches Jahr für Chinas Herrscher. Denn dann wird die Volksrepublik 100 Jahre alt.

Ich wette, dass dann Gäste aus Deutschland mit dem Zug zu den Feiern in Beijing rauschen können - und zwar in einem Tag.

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