Mittwoch, 7. Dezember 2016

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Bradford DeLong US-Ökonom ruft "Greater Depression" aus

Düstere Aussicht: Bald ist wohl die Wirtschaftsleistung eines ganzen Jahres verloren

Schlimmer als die 30er Jahre - mit solchen Vergleichen haben sich Ökonomen bisher zurückgehalten. Bradford DeLong, Professor in Berkeley und ehemaliger Vize-Finanzminister der USA, bricht nun das Tabu. Nicht nur Europa stehe am Rand der Deflation - auch für Amerika müsse man inzwischen von der "Greater Depression" sprechen.

Hamburg - Zunächst scheint es nur um ein Etikett zu gehen. Ob die Geschehnisse in der Weltwirtschaft der vergangenen sieben Jahre nun als "Finanzkrise", als "Große Rezession" oder - wie von ihm bisher bevorzugt - als "Lesser Depression" ("kleinere Depression", im Vergleich zur in den USA als "Great Depression" bekannten Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre) benannt werden sollten, diskutiert Bradford DeLong in einer am Freitag erschienenen Kolumne für das "Project Syndicate". Schon der Titel der Kolumne macht klar, dass der Ökonom von der Universität Berkeley zu einem harscheren Urteil kommt: "Greater Depression".

Leben wir tatsächlich in schlimmeren Zuständen als damals, als Massenarmut um sich griff, was letztlich den Weg der Nazis zur Macht in Deutschland und zum Zweiten Weltkrieg ebnete? So weit geht DeLong, in den neunziger Jahren stellvertretender Finanzminister der USA, nicht. Doch er warnt, dass die Industrieländer Europas und Nordamerikas auf dem Weg seien, noch größere Wohlstandsverluste zu erleiden.

Was Europa angeht, passt das düstere Szenario in die aktuelle Panikstimmung. EZB-Präsident Mario Draghi warnte jüngst auf der Notenbankertagung in Jackson Hole vor akuter Deflationsgefahr. Er deutete an, die Zentralbank werde auch mit ungewöhnlichen Mitteln dagegen vorgehen, doch letztlich sei auch das nicht genug - die Regierungen müssten ihre Sorge um hohe Staatsschulden hinten anstellen und der Konjunktur mit Investitionen auf die Sprünge helfen.

Verschwendete Zeit: Auch Deutschland droht nun die Rezession

Als "That Sinking Feeling (again)" beschreibt der aktuelle "Economist" die Lage der Euro-Zone. Draghis Überlebensgarantie für den Euro im Sommer 2012 habe nur Zeit gekauft, die aber verschwendet worden sei. Die Erholung der Euro-Wirtschaft habe sich als Illusion erwiesen, da nun auch Kern-Länder wie Deutschland am Rand der Rezession stünden.

Aber Amerika? Dort ist doch immerhin seit fünf Jahren ein Aufschwung mit Wachstumsraten von bis zu 4 Prozent im Gang, die Arbeitslosenrate von 6,2 Prozent hätten manche andere Länder auch gern. DeLong lässt das nicht gelten. Der Aufschwung sei noch immer viel zu schwach, um den in der Krise erlittenen Schaden auszugleichen, geschweige denn an den vorigen Wachstumstrend wieder anzuknüpfen, der das eigentlich erreichbare Potenzial der Wirtschaft aufzeige.

Zuvor hatte sich schon DeLongs Berkeley-Kollege Barry Eichengreen zusammen mit dem Wirtschaftshistoriker Kevin Hjortshøj O'Rourke an einen Vergleich der "zwei Depressionen" gewagt. In ihrem jüngsten Update von 2012 war die Great Depression noch klar schlimmer, auch wenn der Absturz von 2008 steiler ausfiel als der von 1929/30. Die weltweit eingeführten Konjunkturprogramme hätten das Schlimmste verhindert, urteilten sie - aber die bald darauf zurückgekehrte Sparsamkeit sei verfrüht, und drohe die Bilanz umzukehren, warnten sie.

Laut DeLong ist es jetzt bald so weit. Der verlorene Output summiere sich bereits jetzt auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres in der Euro-Zone und sogar 78 Prozent in den USA. Da Europa in die Deflationsfalle gerate und auch in Amerika die Zentralbank ihre Unterstützung für die Wirtschaft zurückziehe, sage er nun weitere fünf Jahre Flaute und erst dann eine fünfjährige Erholung voraus. Am Ende der "Greater Depression" hätte die Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks dann 35 Billionen Dollar an Wohlstand eingebüßt.

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