Donnerstag, 18. Oktober 2018

Warnsignale der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Warum sich die Notenbanker um das Weltfinanzsystem sorgen

Kein Spaß: Zentrale von Lehman Brothers am 15. September 2008, dem Tag des jüngsten Weltfinanzbebens. Die BIZ warnt erneut vor Gefahr.
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Kein Spaß: Zentrale von Lehman Brothers am 15. September 2008, dem Tag des jüngsten Weltfinanzbebens. Die BIZ warnt erneut vor Gefahr.

Zweimal im Jahr stört die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die gute Laune von Notenbankern und Politikern. Statt die für ihr gutes Krisenmanagement zu loben und in der Politik des billigen Geldes zu bestärken, warnt die Notenbank der Notenbanken immer wieder vor den erheblichen negativen Konsequenzen. Während die Akteure nach dem bewährten Prinzip des "Gelesen-gelacht-gelocht" mit den Studien der BIZ umgehen, sollten Unternehmer und Investoren die Warnungen ernst nehmen. Schließlich war es die BIZ, die laut und deutlich vor der Finanzkrise der Jahre 2008 ff. gewarnt hat.

Am Samstag erschien der neueste Quartalsbericht der BIZ, der erneut wenig Erfreuliches beinhaltet. Die Bank stellt fest, dass die unheilvolle Party ungebremst weitergeht:

- Die Börsen der USA haben sich immer mehr vom Rest der Welt entfernt (Frage: Wie lange geht das gut?), während Investoren aus aller Welt derweil die Sicherheit amerikanischer Staatsanleihen suchen, was den Zinsanstieg bis jetzt dämpft.

- In Folge der relativen Stärke des US-Dollars kommen die Schwellenländer zunehmend unter Druck, was weit über Argentinien und die Türkei hinausgeht. Dies ist die direkte Folge der weiterhin enorm angestiegenen Verschuldung der Welt in US-Dollar.

- Das billige Geld der letzten zehn Jahre schwappt über den Globus und legt damit die Grundlage für eine neue Finanzkrise, die durchaus das Potenzial hat, die letzte in den Schatten zu stellen.

Letzteres ist allerdings meine Interpretation; die BIZ würde es so klar nicht sagen.

China schwächelt

Die Wirtschaft Chinas - immerhin die Lokomotive der Weltwirtschaft in den letzten zehn Jahren - schwächt sich zeitgleich ab: zum einen infolge des sich immer mehr verschärfenden Handelskriegs mit den USA, zum anderen infolge des Versuchs Chinas, das Schuldenwachstum in den Griff zu bekommen. In der Tat ist das "Total Social Financing", die Umschreibung für das Gesamtkreditvolumen, seit Jahresanfang rückläufig. Da China sich ebenso wie die westliche Welt von (immer mehr) Krediten abhängig gemacht hat, um die Realwirtschaft zu beleben, ist ein Wachstumsrückgang die zwangsläufige Folge. Der Rückgang der Liquidität steht auch hinter dem schlechten Abschneiden der chinesischen Börse, wo schon seit geraumer Zeit gerade auch die Unternehmen, die auf die Binnenwirtschaft ausgerichtet und damit von den US-Sanktionen nicht betroffen sind, underperformen.

Setzt sich diese Entwicklung fort, kann davon ausgegangen werden, dass China wieder alles daransetzen wird, mit (noch mehr) Schulden die Wirtschaft zu beleben. Dass damit die Probleme noch größer werden, wird im politischen Kalkül dann nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Divergenz in der Eurozone setzt sich fort

Nicht neu ist, dass sich die Eurozone immer mehr auseinanderentwickelt. Divergenz statt Konvergenz ist das Motto. Die Hintergründe habe ich basierend auf Studien des IWF mehrfach diskutiert. Deshalb an dieser Stelle nur in aller Kürze, warum derzeit ein gemeinsamer Währungsraum einfach nicht funktionieren kann: Schuldner wollen tiefe Zinsen und hohe Inflation, Sparer hohe Zinsen und geringe Inflation. So einfach ist das!

Die zunehmenden Spannungen zeigen sich - so die BIZ - im deutlichen Einbruch der Bankaktien in der Eurozone, die ohnehin schon seit Jahren deutlich schlechter performen als die Banken in anderen Regionen, namentlich auch den USA. Hintergrund ist - neben der immer noch ungelösten Problematik der faulen Schulden in den Bilanzen der Banken - die immer noch gegebene enge Verknüpfung von Banken und Staaten. Auch so ein Thema, wo die Politik es nicht geschafft hat, in den letzten zehn Jahren eine Besserung zu erzielen. Sie wollte es nicht, gibt es doch nichts Schöneres als Banken, die willig Kredite geben.

Jetzt wo die Zweifel an der Politik Italiens wachsen, rächt sich das. Während italienische Staatsanleihen fallen und damit die Zinsen steigen - wenn auch dank der EZB noch lange nicht auf das Niveau, das für einen Staat, der nicht zahlen kann und perspektivisch nicht will, angemessen wäre -, kommen die Kreditgeber, die Banken, unter erneuten Druck.

Zombies schaden der Wirtschaft

Die ungelöste Bankenkrise Europas belastet die Realwirtschaft immer mehr. Schon mehrfach habe ich über das Problem der Zombies geschrieben. Die BIZ widmet dem Thema im neuen Quartalsbericht ein ganzes Kapitel. Darin zeigen die Experten, dass die Zombie-Firmen seit Anfang der 1980er-Jahren deutlich zunehmen.

Daniel Stelter

Dieser Anstieg ist auf geringeren "finanziellen Druck" zurückzuführen. So gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Gesundheit des Bankensystems und dem Anteil von Zombies in einem Land. Ökonomen haben am Beispiel Portugals herausgefunden, dass Banken lieber eigentlich insolventen Schuldnern weitere Kredite gaben, um die eigene Insolvenz zu kaschieren und dafür die Kreditvergabe an gesunde Unternehmen reduzierten. Das dürfte gängige Praxis in allen Krisenländern gewesen sein und in einigen wie Italien wohl auch heute noch.

Doch auch die Geldpolitik der Notenbanken in den letzten Jahrzehnten, von der BIZ schon früher als asymmetrisch kritisiert, trägt eine erhebliche Mitschuld am Entstehen der Zombies - ein Punkt, den die Empfänger der Studie naturgemäß lieber verdrängen, um weiter auf das geldpolitische Gaspedal zu drücken, statt einen Politikwechsel herbeizuführen.

Zombie-Firmen seien weniger produktiv und verdrängten Investitionen und Beschäftigung bei den gesünderen Unternehmen, so die BIZ. Das stellt die Notenbanker und Politiker vor ein Problem: Tiefe Zinsen fördern die Nachfrage, die Beschäftigung und Investitionen auf kurze Sicht. Aber das Überhandnehmen von Zombies als Folge führt zu Fehlallokation von Ressourcen und schwachem Produktivitätswachstum - und zwinge die Notenbanken zu weiteren Zinssenkungen, stellt die BIZ fest.

So ist die Prognose leicht: Je länger die Politik des billigen Geldes andauert, desto größer der Anteil der Zombies an den Unternehmen und desto schlechter die Entwicklung der Realwirtschaft. Es ist eine Abwärtsspirale, die so lange andauert, bis wir eine Bereinigungskrise zulassen. Irgendwann werden wir sie nicht mehr verhindern können.

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