Dienstag, 26. Juli 2016

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Die politische Wunschliste von Bayers Aufsichtsratschef Wenning "Deutschland sollte mitmachen"

Werner Wenning, Eon-Aufsichtsratschef, auf der Hauptversammlung des Konzerns im Mai.

Auf welche makroökonomische Lage müssen sich die deutschen Unternehmen 2016 einstellen? Und welche Erwartungen hat die Großindustrie an die Politik? manager-magazin.de sprach dazu mit Werner Wenning, 69, Aufsichtsratsvorsitzender von Bayer und Eon.

manager-magazin.de: Der Protektionismus in vielen Ländern nimmt zu. Sind die goldenen Zeiten des Freihandels vorbei?

Werner Wenning: Ich sehe hier nicht so schwarz. Es stimmt zwar - einige Länder versuchen, die heimische Wirtschaft mit solchen Maßnahmen nach vorne zu bringen. Aber das hat es immer gegeben, und erfahrungsgemäß hemmt dies letztlich auch die Entwicklung im Land. Viel größere Bedeutung für die Entwicklung des Welthandels und der teilnehmenden Länder haben die großen regionalen Handelsabkommen, die derzeit geplant sind. Dabei sollen Handelsbarrieren in erheblichem Umfang abgebaut werden. Sie haben das Potenzial, den Stillstand bei den WTO-Verhandlungen zu überwinden und den Freihandel zu fördern.

mm.de: Glauben Sie, dass die Grenzen wegen Terrorgefahr und Flüchtlingskrise künftig wieder dichter werden? Und wird das wirtschaftliche Auswirkungen mit sich bringen?

Wenning: Ich hoffe nicht. Sich abzuschotten und neue Grenzen zu errichten wäre der falsche Weg. Unsere Gesellschaft bezieht ihre Stärke und Anziehungskraft ja gerade aus dem freien, offenen Austausch zwischen Gesellschaften - politisch, wirtschaftlich, kulturell. Der Terror darf nicht dazu führen, diesen Austausch zu beschränken. Im Gegenteil: Nur im offenen Umgang miteinander kann der Einfluss von Extremisten zurückgedrängt werden.

Auch sollte man hier verschiedene Dinge auseinanderhalten. Für die Flüchtlinge haben wir die Grenzen geöffnet, um zu helfen. Das war richtig. Wenn jetzt über eine Begrenzung des Zustroms diskutiert wird, dann hat das nichts mit Abschottung zu tun. Es geht vielmehr um die Frage, wie vielen Menschen Deutschland überhaupt eine dauerhafte Perspektive bieten und wie die gesellschaftliche Balance gewährleistet werden kann. Die entscheidende Herausforderung ist natürlich, die Ursachen der Migration anzugehen - eine zugegebenermaßen sehr schwierige politische Aufgabe.

mm.de: Im Welthandel bilden sich neue Blöcke heraus, vor allem im pazifisch-asiatischen Raum. Was kann Deutschland tun, um dagegenzuhalten?

Wenning: Deutschland sollte nicht dagegenhalten, sondern mitmachen! Ich halte es zum Beispiel für absolut sinnvoll, dass die Europäische Union das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP vorantreibt. Das Gleiche gilt für das geplante Abkommen zwischen der EU und den ASEAN-Staaten. So wirkt Europa aktiv am Trend der Regionalisierung mit. Global agierende deutsche Unternehmen profitieren ohnehin von anderen großen Abkommen wie der Transpazifischen Partnerschaft TPP, oder von RCEP, das China, Indien und Japan einschließt und mehr als 3 Milliarden Menschen betrifft. Für Deutschland ist es ein Muss, hier dabei zu sein. Schließlich kommt unser Wirtschaftswachstum zur Hälfe vom Außenhandel, und jeder zweite Industrie-Job hängt vom Export ab.

mm.de: Wer kann China als Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft ersetzen?

Wenning: Zunächst einmal sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Dass die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten in China eines Tages zu Ende gehen würden, war immer klar. Die Verlangsamung des Wachstums, die wir jetzt sehen, ist also eher eine Normalisierung. Schließlich wächst die chinesische Wirtschaft immer noch mit mehr als sechs Prozent. China bleibt also ein Motor der Weltwirtschaft, wenn auch mit etwas geringerer Drehzahl. Der andere wichtige Motor sind natürlich die USA, deren Wachstum zurzeit wieder zulegt.

mm.de: Welche Bedeutung hat die Revitalisierung der USA für deutsche Unternehmen?

Wenning: Die USA sind noch immer enorm wichtig für deutsche Unternehmen - als Absatzmarkt, aber vor allem auch als Innovationsstandort. Denken Sie nur an die andauernde IT-Revolution, die vom Silicon Valley aus das Wirtschaften praktisch in allen Branchen von Grund auf verändert. Auch deshalb wäre TTIP so wichtig - um den Anschluss an die Innovationsdynamik der USA zu halten.


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pal, soc

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