Dienstag, 19. März 2019

Estlands Notenbankgouverneur über Geldwäsche und Handelskrieg "Hätte nie gedacht, dass wir an diesen Punkt kommen würden"

Estlands Notenbankgouverneur Ardo Hansson: "Es ist ein ständiger Kampf"

Estlands Notenbankgouverneur über die Geldwäsche-Skandale im Baltikum, Konjunkturgefahren in Europa und die Frage, wieviel Risiko die Währungsunion wirklich vergemeinschaften muss.

manager magazin.de: Herr Gouverneur, die baltischen Staaten sind wegen einer Reihe von Bankenskandalen um Geldwäsche in den Schlagzeilen. Der Danske Bank etwa wird vorgeworfen, mehrere Milliarden Euro gewaschen zu haben, einige der Danske-Manager sind zurückgetreten. Gibt es ein strukturelles Problem in der Region?

Ardo Hansson
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    Ardo Hansson (60) gilt als ein früher Wahlverwandter der Bundesbank: Schon 1992 verschweißte der damals erst 34-jährige Regierungsberater die Währung seines kleinen Landes über ein sogenanntes Currency Board fest mit der D-Mark. Seit 2011 ist Estland Mitglied der Eurozone. Hansson, der in Nordamerika aufwuchs, machte seinen Wirtschaftsdoktor in Harvard. Er hat als Berater in vielen Ländern gearbeitet, während der Weltfinanzkrise war er Weltbank-Chefökonom in China.

Ardo Hansson: Ich kann nur darüber sprechen, was in Estland vor sich geht. Die Fälle, von denen Sie in den Zeitungen lesen, haben sich schon vor mehreren Jahren ereignet. Die Niederlassung der Danske Bank hat ihr Geschäft mit nicht-ortsansässigen Kunden bereits 2015 geschlossen. Wenn wir uns die gegenwärtige Situation anschauen, denke ich, dass die Behörden bei der Aufklärung sehr gute Arbeit geleistet haben. Vor einigen Monaten haben wir zusammen mit der EZB unsere kleinste Bank geschlossen, weil die Gefahr der Geldwäsche bestand. Es ist also ein ständiger Kampf. Aber in der aktuellen Situation sehen wir kein großes Risiko.

Die Nähe zu Russland scheint das Baltikum für Offshore-Tätigkeiten besonders attraktiv zu machen.

Natürlich müssen wir wegen der geografischen Lage wachsamer sein. Die Banken haben im Laufe der Zeit gelernt und versuchen nun, viel vorsichtiger zu sein. Sicherzustellen, dass ausländische Kunden, die zu ihnen kommen, eine offensichtliche Verbindung zur estnischen Wirtschaft haben. Früher entfielen auf Nicht-Ortsansässige etwa 20 Prozent aller Einlagen, heute sind es weniger als 10 Prozent. Meist sind das EU-Bürger, deutsche, österreichische oder niederländische Haushalte, die ihr Geld hier anlegen, um etwas höhere Zinsen zu verdienen. Der Anteil, der nach Offshore-Geschäft aussieht, beträgt weniger als 2 Prozent. Die Banken nehmen dieses Thema inzwischen so ernst, dass sich einige Leute im Land schon beschweren, dass ausländische Unternehmen Schwierigkeiten haben, weil immer mehr Fragen gestellt werden.

Zentralbanker versuchen eigentlich immer, die Inflation im Zaum zu halten. Aber in den vergangenen Jahren haben sie sich schwer damit getan, sie auf die angestrebte Rate anzuheben. Trotz des wieder robusten Wachstums blieb die Teuerung gedämpft. Was ist da los?

Das ist ein großes Rätsel. Teilweise ist es damit zu erklären, dass es eine Periode gab, in der viele Faktoren wirkten, die die Inflation dämpfen. Und sehr wenige Faktoren, die sie erhöhen. Vor einigen Jahren stellten viele Haushalte und Unternehmen fest, dass sie zu hoch verschuldet waren, also nahmen sie weniger neue Kredite auf. Das dämpfte die Nachfrage. Es gab die Regierungen, die versuchten, ihre Haushaltsdefizite zu verringern. Öl- und Rohstoffpreise sanken. Es gab die Folgen der Globalisierung, die ich für sehr wichtig halte. In einigen Ländern könnten Arbeitsmarktreformen dazu beigetragen haben, den Lohndruck zu verringern. Das sind alles Faktoren, die nicht klassisch zyklisch sind. Sie wirken auch nicht dauerhaft, aber sie halten für einige Jahre an. Für einen solchen Zeitraum könnte die Inflation dadurch geringer ausfallen als sonst zu erwarten wäre. Aber früher oder später wird sich das ausgleichen. 2,5 % BIP-Wachstum, wie wir sie in Europa im Moment sehen, sind gemessen am Wachstumspotenzial schon sehr viel. Die Wirtschaft wächst derzeit schneller als sie es langfristig kann und die Kapazitätsauslastung steigt. Deshalb bin ich immer noch recht optimistisch, dass sich der Inflationsdruck irgendwo aufbauen muss.

Die Löhne sind bisher enttäuschend langsam gestiegen.

Die Integration des europäischen Arbeitsmarktes muss ein Faktor sein, der sich hier auswirkt. Denn die Löhne im westlichen Teil Europas steigen recht langsam, der östliche Teil, aus dem ich komme, hat aber ein sehr schnelles Lohnwachstum erlebt. Es bedeutet wahrscheinlich nur, dass sich der Arbeitsmarkt schnell integriert und das erzeugt Abwärtsdruck hier und Aufwärtsdruck im Osten. Einer der Gründe, weshalb die Löhne nicht so gut wachsen, dürfte auch darin liegen, dass sie in den schlechten Zeiten wohl mehr hätten fallen müssen. Die Löhne sind nach unten unbeweglicher und deshalb blieben sie vielleicht etwas über dem Niveau, das mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit nötig gewesen wäre. In den guten Zeiten starten sie also jetzt von einem relativ hohen Niveau und das Lohnwachstum ist nicht so stark.

Während die Inflation niedrig blieb, sind viele Vermögenspreise deutlich gestiegen. Die Hauspreise in der Eurozone haben im ersten Quartal 2018 so stark zugelegt wie seit elf Jahren nicht mehr. Kommen wir in eine neue Blase?

Wenn Sie die Hauspreise nehmen, dann konnte man bis vor Kurzem einige Segmente in einigen Ländern für überbewertet halten. Aber man sah keine weit verbreitete Schieflage. Jetzt sehen immer mehr Länder Anlass für eine gewisse Besorgnis, sei es auf den Märkten für Unternehmensanleihen oder den Immobilienmärkten. Es ist nicht besonders alarmierend, aber es häufen sich die Anzeichen, dass der Überschwang und manche Risikobereitschaft zu groß werden. Die Immobilienpreise im Euroraum steigen im Durchschnitt um 4,5 Prozent. Das ist nicht sehr beunruhigend, ich würde es nicht als Blase bezeichnen. Der Anstieg wird auch nicht durch massives Kreditwachstum angeheizt.

Die Lage ist also ganz anders als vor zehn Jahren. Aber an den Rändern sieht man etwas mehr Risiken. Im Laufe der Zeit nehmen die Sorgen zu. Es ist also gut, dass wir als EZB mit der Normalisierung der Politik begonnen haben und unsere Anleihekäufe langsam zurücknehmen.

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