Sonntag, 23. Juli 2017

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Ausbürgerung US-Bürger geben ihren Pass aus Steuerfurcht ab

Abschied von Stars and Stripes: Von Amerikanern im Ausland wurden 2012 zwei Millionen Steuererklärungen eingereicht - bei sechs Millionen Expatriates

Die EU hat die Flucht vor Steuerzahlungen zum Gipfelthema gemacht. Das Problem aber ist international: Eine stark wachsende Zahl von US-Bürgern gibt in den Konsulaten außerhalb ihres Heimatlandes den Pass zurück. Mit der Aufgabe der US-Staatsbürgerschaft entledigen sie sich lästiger Steuern.

Washington - Was haben Mahmood Karzai, Isabel Getty, die Stadtpräsidentin von Zürich und Tina Turner gemeinsam? Sie alle sind Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft, die in den vergangenen Monaten ihren US-Pass abgegeben haben. Der Bruder des Präsidenten von Afghanistan, die Getty-Erbin mit ihrer schrillen Facebook-Seite, die Schweizer Sozialdemokratin sowie die Rock-Ikone der 80er Jahre hatten es satt, in den USA Steuern zu zahlen, obwohl sie sich dort kaum aufhalten.

Turner, die es im April als 73jährige auf die Titelseite von Vogue Deutschland schaffte, hat sich ganz in die Schweiz zurück gezogen. Die USA sind das einzige Land der OECD, das die Steuerpflicht nicht vom Aufenthalts- und Arbeitsort abhängig macht, sondern von der Staatsbürgerschaft. Sechs Millionen Amerikaner im Ausland (sogenannte Expats) müssen an den US-Fiskus jährlich Steuern abführen, egal, ob sie in Malaysia, Myanmar oder der Mongolei wohnen und dort ebenfalls zur Steuer veranschlagt sind.

Die Liste reicher Partylöwen, Filmstars, Rocksänger und Unternehmer, die lieber den Pass abgeben als die vorgeschriebenen Steuererklärungen einzureichen, wird immer länger. Dazu zählt auch darunter auch der aus Brasilien stammende Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin - Saverin zog sich nach Singapur zurück.

Waren es 2008 noch 235 Expats, die den USA adé sagten, stieg ihre Zahl 2011 auf den Rekord von 1780. Im ersten Quartal des laufenden Jahres gaben 670 steuermüde Amerikaner ihren Pass ab. So viele wurden noch nie in einem Vierteljahr gezählt, seit die US-Steuerbehörde IRS (Internal Revenue Service) ihre Aufstellungen veröffentlicht.

Warum "Lady Gatsby" Denise Rich den österreichischen Pass vorzieht

Zu den 932 US-Amerikanern, die 2012 ihren Pass zurückgaben, gehört auch die Sängerin Denise Rich. Die Grammy-nominierte Künstlerin, die unter anderem Songs für Aretha Franklin und Jessica Simpson schrieb - und dank ihres Vaters auch einen österreichischen Pass besitzt - ist in der europäischen Party-Szene von Cannes, Monte Carlo und St. Tropez bestens bekannt.

Die Glamour-Feten für die Reichen und Schönen auf ihrer 50-Meter-Yacht brachten Rich den Spitznamen "Lady Gatsby" ein. Im Januar 2012 bot sie ihr Penthouse in der 5th Avenue in New York - laut der Corcoran-Gruppe ein "Gipfel an Luxus und Großartigkeit" - für 65 Millionen Dollar an. Ihr Ex-Mann, der Rohstoff-Investor Marc Rich, war 1983 nach einer Anklage wegen Steuerhinterziehung, Betrug und organisierter Kriminalität aus den USA geflohen.

Die rasant steigende Zahl von Amerikanern, die ihren Pass zurückgeben, wird von Experten vor allem mit dem neuen Foreign Account Tax Compliance Act (FATCA) von 2010 erklärt. Spätestens 2014 müssen im Ausland lebende US-Bürger nach diesem neuen Gesetzes ihre Steuern erklären. Tun sie es nicht, drohen drakonische Strafen: Wenn bei der Meldung über die Auslandskonten - das sogenannte FBAR - wichtige Details unterschlagen werden, droht eine Buße von 27,5 Prozent vom höchsten Betrag, der in den vergangenen acht Jahren auf einem Konto angesammelt wurde.

Ein Entkommen aus der Steuer-Schlinge wird immer schwieriger. Denn der FATCA zwingt Banken im Ausland, auf Basis bilateraler Abkommen mit den USA die Konto-Details amerikanischer Expats herauszugeben - oder 30 Prozent von deren US-Einkünften einzubehalten. Die USA und die Schweiz haben im Februar ein solches Abkommen unterzeichnet.

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