Samstag, 30. Juli 2016

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Obama oder Romney "Die Frage ist nur, wer uns früher ruiniert"

Was auf uns zukommen soll: Finanzpanik, Handelskriege, Besinnnung
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Gerald Celente ist Amerikas führender Trendforscher. Er hat die Ära des Gourmet-Kaffees ebenso vorhergesagt wie die Finanzkrise 2008. Im Interview mit manager magazin online sagt er der Welt neue Kriege voraus - und die nächste Finanzpanik schon für 2013.

mm: In drei Wochen, am 6. November, wählt Amerika seinen nächsten Präsidenten. Welchen Unterschied macht es, ob der Amtsinhaber Barack Obama gewinnt, oder sein Herausforderer Mitt Romney?

Celente: Der einzige Unterschied, fürchte ich, wird darin bestehen, wer das Land langsamer ruiniert. Die Programme der beiden unterscheiden sich nicht wirklich. Wir haben in den USA ein zweiköpfiges Ein-Partei-System. In der Außenpolitik gibt es auch keinen Unterschied. Außer vielleicht, dass Romney noch mehr Bomben auf den Iran werfen würde. Schauen Sie sich die Bilanz von Obama an: Nicht ein Verantwortlicher an der Wall Street wurde für die Finanzkrise bestraft. Nicht einmal MF-Global-Chef Jon Corzine haben sie sich geschnappt. Der ist nämlich ein Demokrat wie Obama und hat Hunderttausende für die Kampagne des Präsidenten gespendet. Jetzt streiten beide über die Steuern.

mm: Was ist mit Jobs?

Celente: Weder Obama noch Romney hat ein überzeugendes Programm für neue Jobs präsentiert. Wir brauchen hier gut bezahlte Arbeitsplätze. Aber wir haben kein Ausbildungssystem wie Deutschland, wo richtige handwerkliche Fertigkeiten unterrichtet werden, mit denen Menschen Jobs finden, die sie gut ernähren.

mm: In den vergangenen Tagen kamen vereinzelt Zeichen für eine Stabilisierung der US-Konjunktur. Die Arbeitslosenrate sank zuletzt auf 7,8 Prozent. Kritiker halten die Zahl jedoch für manipuliert. Was denken Sie?

Celente: Ich weiß es nicht. Aber warum sollte ich der Regierung etwas glauben? Die haben uns ständig angelogen, schon im Vietnamkrieg und beim Überfall auf den Irak. Aber schauen wir uns einfach die Zahlen an. Im September wurden 114.000 neue Jobs geschaffen. Wir brauchen jedoch allein 150.000, um das Wachstum der Bevölkerung aufzufangen. Seit der Großen Rezession haben wir 24 Millionen Arbeitsplätze verloren. Doch 53 Prozent der Jobs, die seitdem geschaffen wurden, sind Bedienungen in Restaurants, Bartender und Pflegehilfen. Die verdienen keine Löhne, die eine Familie ernähren. Im Verarbeitenden Gewerbe haben wir im jüngsten Monat 14.000 Jobs verloren. Und seit dem März gingen dort fast 800.000 Vollzeit-Jobs verloren. Also selbst wenn die Zahlen nicht manipuliert waren, sind sie ein Desaster.

mm: Was ist derzeit das größte Risiko für die US-Konjunktur? Drastische Haushaltseinsparungen in 2013, ein Crash am Anleihenmarkt, steigende Zinsen, oder die Dezimierung der Mittelschicht?

Celente: Ich erwarte nicht, dass die Zinsen steigen. Europa und die USA können sich das nicht leisten. Die müssen noch mehr Geld in das System pumpen. Schauen Sie sich die Gewinnbilanzen an. Die Banken verdienen nun prächtig an der Refinanzierung von Hypotheken. Und von ihren Zinsvorteilen geben sie nichts an die Kunden weiter. Müssen sie auch nicht, sie haben ja die Macht an sich gerissen.

mm: Das aber nicht nur in den USA, oder?

Celente: Auch in Europa. Schauen Sie sich den Bundestag an. Der hat seine Souveränität verloren. Die wurde dem Parlament entrissen und nach Brüssel weiter gereicht. Und so geht es derzeit jedem Land in der Euro-Zone. Brüssel und die Europäische Zentralbank ziehen immer mehr Macht an sich.

mm: Was ist die größte Gefahr für die USA?

Celente: Es ist die Eliminierung der Mittelklasse. Die Schere zwischen Armen und Reichen ist in den USA auf dem Niveau von Kasachstan und Uganda angekommen. Seit Beginn der Großen Rezession sind die Einkommen um 10 Prozent gefallen. Unsere Kinder in den Colleges haben 1000 Milliarden Dollar Schulden angehäuft, mehr als alle Konsumenten zusammen. Und sie kriegen keine Jobs dafür.

mm: Beklagt wird oft die Qualität der Jobs, die entstehen. Teilen Sie diese Kritik?

Celente: Jeder zweite Uni-Abgänger bekommt einen Job, für dessen Erledigung nicht mal der Abschluss der High School verlangt werden müsste. Schauen Sie sich diese irreführenden Namen an: Bei Starbucks Börsen-Chart zeigen werden Sie ein "Barista" - aber Sie machen nur Kaffee. Bei Wal-Mart Börsen-Chart zeigen heißen Sie "Associate" - aber Sie machen nur 62,50 Dollar die Woche nach Steuern und anderen Abzügen, und haben einen Leistenbruch, weil Sie bis drei Uhr morgens die Regale füllen. Das sind die Jobs in Amerika. Und wir jubeln stets, wir seien die Nummer eins. Nein, Amerika, das bist Du nicht! Die Besten seid Ihr höchstens bei der Zahl der Gefängnisinsassen und bei den Fettleibigen.

mm: Sehen wir den Anfang vom Ende der Supermacht USA?

Celente: Unser Land baut rapide ab. Ich bin als Junge in der Bronx aufgewachsen, und ich sage: Wenn die Leute alles verlieren und nichts mehr haben, verlieren sie alle Hemmungen. Und sie verlieren die Hemmungen nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien, Portugal und Griechenland. - Ich weiß nicht, was uns am Ende über das Kliff schieben wird. Aber 16.000 Milliarden Dollar Schulden, mit immer neuen Budget-Defiziten, das ist nicht durchzuhalten. Auch in Europa nicht.

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