Donnerstag, 15. November 2018

Nobelpreisträger Stiglitz "Ein Gang am Rande des Abgrunds"

Austeritätskritiker: Joseph Stiglitz hält nichts vom europäischen Spardiktat

2. Teil: Giftige Medizin

mm: In Europa hat die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi zum unbegrenzten Anleihenkauf zumindest kurzfristig für etwas Ruhe an den Finanzmärkten gesorgt …

Stiglitz: Ich habe wirklich das Gefühl, dass die politisch Verantwortlichen in Europa entschlossen sind, dem Euro zum Erfolg zu verhelfen. Und sie sind bereit, fast alles dafür zu tun - bis auf das, was wirklich nötig wäre. Draghis Ankündigung, unbeschränkt Staatsanleihen zu kaufen, war sehr stark - aber gleichzeitig an zwei Bedingungen geknüpft. Ein Land muss einen Antrag stellen und die Auflagen erfüllen. Und dazu gehörte bislang die Aufgabe wirtschaftlicher Souveränität - etwas, das Politiker in der Regel nicht gerne tun.

Zudem hat die Medizin, die den Ländern in der Vergangenheit verordnet wurde, zu einer wirtschaftlichen Abschwächung und bei Griechenland in die wirtschaftliche Depression geführt. Die Bereitschaft sie zu schlucken ist daher nicht besonders ausgeprägt.

mm: Was wäre die Alternative zum Sparkurs?

Stiglitz: Es gibt keinen Wachstumspakt. Dabei ist die Idee, dass Sparmaßnahmen die Krise verhindert hätten, absurd. Sparmaßnahmen machen alles nur schlimmer - sie schwächen die Nachfrage, erhöhen die Arbeitslosigkeit und die Sozialkosten - und führen in die Rezession. Es gibt keine größere Wirtschaft, die jemals durch Sparmaßnahmen eine Krise überwunden hätte.

mm: Sehen Sie denn überhaupt eine Überlebensmöglichkeit für den Euro?

Stiglitz: Die Krise kann gelöst werden. Aber bislang ist der Euro eine mit fundamentalen Fehlern behaftete Institution. Dass das Projekt unvollendet ist, war den europäischen Staats- und Regierungsschefs von Anfang an klar. Aber sie haben konstant zu wenig und zu spät getan. Der Ausweg aus der Krise ist nun entweder über mehr Europa möglich, instititutionelle Reformen, die Vergemeinschaftung von Schulden und ein gemeinschaftliches Bankensystem. Die andere Alternative ist eben weniger Europa - dass eine Reihe von Staaten das Netzwerk verlässt.

mm: Etwas Bewegung in Richtung mehr Europa gibt es ja bereits...

Stiglitz: Der Vorschlag für eine gemeinsame Bankenaufsicht geht in die richtige Richtung. Aber er reicht nicht aus. Nötig ist eine gemeinsame Einlagensicherung, ein gemeinsamer Rückhalt. Und der kann nicht nur für die großen Banken gelten.

mm: Glauben Sie denn, dass der Euro überleben wird?

Stiglitz: Das ist eine politische Entscheidung. Eine Vergemeinschaftung der Schulden und des Finanzsystems sind derzeit schwer vorstellbar. Es ist in gewisser Weise ein Gang am Rande des Abgrunds. Und wenn man dort wandelt, besteht das Risiko, dass man hinunterstürzt - selbst mit den besten Absichten.

Aber die Staatschefs haben noch nicht in den Abgrund geschaut. Vielleicht schauen sie über den Rand und kommen zu dem Schluss, dass es sie selbst zu teuer zu stehen kommen wird, wenn der Euro zerfällt. Ich halte es für möglich, dass der Euro am Ende gerettet wird. Aber die Dynamik kann sich auch so entwickeln, dass er auf der Strecke bleibt.

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