Donnerstag, 21. Juni 2018

Europäische Stabiliserung Deutschland soll fremde Schulden schultern

Wirtschaftshistoriker Harold James bei "Managing the Future" 2012 in Berlin: "Irgendwann wird die höchst wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft eingekesselt sein"
Jose Giribas
Wirtschaftshistoriker Harold James bei "Managing the Future" 2012 in Berlin: "Irgendwann wird die höchst wettbewerbsfähige deutsche Wirtschaft eingekesselt sein"

Weil Europa wirtschaftlich auseinander driftet, könnte die deutsche Wirtschaft eines Tages eingekesselt sein in einer Region, die zu arm ist, um deutsche Produkte zu kaufen. Harold James, Wirtschaftshistoriker an der Princeton-University, skizziert im Gespräch einen Ausweg.

mm: Herr Professor James, in der fortdauernden Krise der Finanzsysteme und der Weltwirtschaft wird Deutschland häufig als ökonomischer Riese kritisiert, der sich politisch jedoch wie ein Zwerg benimmt. Teilen Sie diese Kritik?

James: Nein. Das ist ein Bild aus den 60er Jahren und aus der Ära des "Genscherismus". Damals tauchte Deutschland gern ein in das Gewusel der Buchstabensuppe, die von überstaatlichen Organisationen wie der EWG, der Nato, der WEU, der OSZE und so weiter verkörpert wurde. Spätestens die aktuelle Kanzlerin Angela Merkel hat dieses Image völlig überwunden.

mm: Woran machen Sie das fest?

James: Denken Sie zum Beispiel an Merkels Ansprache vor dem Bundestag, mit dem sie im Mai 2010 das erste Rettungspaket für Griechenland begründete. Das klang in meinen Ohren oft wie die berühmte "Blut-und-Eisen"-Rede des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck. Der appellierte 1862 vor dem Haushaltsausschuss des Preußischen Parlaments an preußischen Stärken, deren Durchsetzung Deutschland vereinen sollten. Was bekanntlich wenig später gelang.

mm: Aber Deutschlands Härte, etwa beim Durchsetzen klarer Sparziele in den Schuldenstaaten wie Griechenland oder Italien, sorgt doch vielerorts für Unmut.

James: Tatsächlich wurden die technokratischen Regierungschefs in den genannten Ländern vielfach als Merkels Marionetten wahrgenommen. Und die Abwahl des französischen Staatspräsidenten Sarkozy ist eine klare Abkehr vom "Merkozy"-Prinzip einer engen deutsch-französischen Politik-Allianz. In US-Regierungskreisen geht derzeit die Furcht um, dass das deutsche Beharren auf strenge Sparpolitik eine neue Runde von Panik an den Finanzmärkten und somit einer Wirtschaftskrise auslösen könnte. Die wäre dann nicht auf Europa beschränkt - und könnte die Wahlen im November gegen Präsident Obama wenden.

mm: Steckt hinter solchen Befürchtungen ein wirtschaftliches oder eher ein politisches Kalkül?

James: Die Gefahr einer neuen europäischen Überpower wird oft als wirtschaftlich unausweichlich dargestellt. Tatsächlich bedrohen die deutschen Überschüsse die Institutionen, die den Prozess der europäischen Integration managen: Zu Beginn des Euro-Experiments betrug der deutsche Anteil an den weltweiten Exporten 8,6 Prozent. Im Jahr 2007 waren es schon 9,6 Prozent. Der französische Anteil fiel im selben Zeitraum von 4,7 auf 4,0 Prozent.

mm: Was heißt das für die Politik?

James: Von manchen Kritikern wird ein sehr fragwürdiges Bild von einer deutschen Verschwörung aufgebaut. Das sieht ungefähr so aus: Über Jahrzehnte hinweg haben sich die Deutschen in aller Welt als nette Menschen dargestellt - und dabei ihre politischen Stärken klammheimlich ausgebaut. Jetzt sieht es aus als könne der deutsche Wolf wie im Märchen der Brüder Grimm plötzlich seine Verkleidung fallen lassen, aus Großmutters Bett herausspringen und das arme Rotkäppchen verschlingen. Ihren Multilateralismus und den Genscherismus haben die Deutschen schon in den 90er Jahren aufgegeben, als sie den Euro erdachten und durchsetzten. Es ging dabei um die Sicherung der deutschen Dominanz. Nicht Vorsprung durch Technik, wie der Claim einer deutschen Premium-Automarke lautet, sondern Vorsprung durch Politik.

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