Sonntag, 28. August 2016

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Brückenköpfe im Westen Amerika in Angst vor der China-Invasion

Chinas Pläne: Autarke Industriestadt mitten in Idaho
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AP

Die einen nennen es Investitionen, die anderen fürchten den Einmarsch: China hat binnen kürzester Zeit so viel Geld in Amerikas Firmen und Landstriche investiert, dass in den USA die Angst umgeht. Dennoch macht Peking weiter - und plant einen neuen gewaltigen Brückenkopf.

Michigan/USA - In Milan herrscht Aufruhr. Das ist zwar schwer vorstellbar: Das 6000-Seelen-Dorf westlich vom Lake Erie im Hinterland von Michigan rahmen schier endlose Weizenfelder ein. Und solange sich die Einwohner erinnern, herrschte hier ländliche Idylle. Fremde wiederum erinnern sich an Milan zumeist gar nicht, weil sie nie da waren. Warum auch? Wegen seiner Autorennstrecke? Oder des örtlichen Gefängnisses? Mehr gibt es dort nicht zu sehen, und deshalb hat Milan kaum Besucher.

Noch. Bald könnten Tausende kommen. Aus China. Denn Peking plant ein Megaprojekt mitten in diesem bäuerlichen Teil der USA.

Am Rande des Orts soll eine komplette chinesische Wohnstadt entstehen. Auf einer Fläche, die 300 Fußballfeldern entspricht, wollen Geschäftsleute aus dem Reich der Mitte 415 Luxuswohnungen bauen, dazu einen künstlichen See und ein Kulturzentrum. Eine undurchsichtige Organisation, die sich Sino-Michigan Properties nennt, hat das nötige Land für 1,9 Millionen Dollar bereits erworben. Viel mehr weiß niemand im Ort über die neue "Chinastadt". Selbst lokale Stadtplaner und Wirtschaftsentwickler tappen ziemlich im Dunkeln.

"Das ist eine Gruppe, die eine chinesische Stadt bauen will, angefangen mit Wohnungen hier in Milan", sagt Doug Smith, der Vizepräsident bei der Michigan Economic Development Corp zu manager magazin online - Smith hatte im vergangenen Jahr zusammen mit dem Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, die Volksrepublik besucht, um für Investitionen zu werben.

Investitionswut bis in kleine Ortschaften hinein

Milan liegt nur 40 Minuten von Detroit und Toledo entfernt, bietet also Anbindung an die amerikanische Autoindustrie, die sich gerade von ihrer bislang schwersten Krise erholt. Auch zur University of Michigan in Ann Arbor ist es nur eine kurze Fahrt. Die Uni ist bei chinesischen Studenten beliebt. Viel mehr kann sich am Ort derzeit niemand zusammen reimen.

"Die Leute hier haben viele Fragen, und sie wollen Antworten", sagt Phil Heath, der 57-jährige Rathauskontroller von Milan. "Es hat noch keine Treffen oder Anhörungen, oder irgendwelche anderen offiziellen Termine zu dem Projekt gegeben", bestätigt die Stadtkämmerin im Nachbarort London, Barbara Henley.

Solche Situationen sind derzeit nicht selten in den USA. Bis in kleine Ortschaften hinein reicht plötzlich die Investitionswut Chinas. Angetrieben davon, den neuen, befürchteten Protektionismus der Amerikaner durch Produktion vor Ort zu unterlaufen, entsteht ein Brückenkopf Pekings nach dem anderen ín den USA.

Developer aus der ostchinesischen Stadt Hangzhou sowie Immobilienfirmen aus Chinas erster Sonderwirtschaftszone Shenzhen wollen in Toledo, nur eine Autostunde südlich von Milan, einen Großteil des Marina-Bezirks aufkaufen. Das ehemalige Industriegebiet wurde in den vergangenen zwölf Jahren Stück für Stück von der Stadt aufgekauft und für die erneute gewerbliche Nutzung vorbereitet. Die chinesische Dashing Pacific Group, hinter der Geschäftsleute aus dem Süden Chinas stehen, will eine Fläche halb so groß wie das Projekt in Milan erwerben. Pläne für die Verwendung des großen Areals sind noch nicht bekannt.

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