Donnerstag, 8. Dezember 2016

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Neuer Wilder Westen US-Ölrausch setzt Zehntausende in Marsch

Schieferöl und -gas: US-Ölrausch setzt Zehntausende in Marsch
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Corbis

In Amerikas Hinterland bricht ein Ölrausch wie einst im wilden Westen aus. Tausende drängen in die zuvor verschlafenen Ölstädte. Männer-Arbeitscamps entstehen. Jetzt verdrängen die Wanderarbeiter die Schwachen - und mitten im Ölboom entsteht ein bitteres Sozialdesaster.

Williston - Es ist ein Menschenstrom, wie ihn Amerika lange nicht mehr gesehen hat. Tausende, Zehntausende haben sich in Marsch gesetzt, um dort ihr Glück zu suchen, wo bis vor Kurzem oft nur kleine Ansiedlungen vor sich hin gammelten. Der Ölrausch ist nach North Dakota und Montana gekommen - weil es der Markt so wollte.

Seit der Rohstoff Öl knapper wird und die Benzinpreise bereits auf den höchsten je zu dieser Jahreszeit in Nordamerika ermittelten Wert geschossen sind, lohnt plötzlich auch die Erschließung bisher nicht rentabel ausbeutbarer Vorkommen. Gut für die US-Bundesstaaten Montana, Nord Dakota, Ohio oder Texas: Amerika erlebt dank der neu erschließbaren Schiefervorkommen einen Ölboom, der die USA in kürzester Zeit zum zweitgrößten Ölproduzenten außerhalb der Opec gemacht hat.

Die neuen Boomtowns in diesem modernen Goldrausch - darunter Williston in Nord Dakota und Sidney in Montana - erleben eine Invasion von Wanderarbeitern, die an den wilden Westen vor Jahrhunderten erinnert.

Minengesellschaften und Förderfirmen reißen ganze Straßenblocks mit Wohnhäusern an sich. Hotelneubauten werden für die hineinströmenden Arbeiter komplett angemietet, bevor die Gebäude überhaupt fertiggestellt sind. Und nicht nur Wohnraum ist in den einst verschlafenen Gebieten plötzlich knapp. Von allem ist in den neuen El Dorados der USA zu wenig da: Von Pipelines, die das sprudelnde Öl in die Raffineriezentren befördern sollen, über Trucks bis hin zu Sand, der in den umliegenden Bundesstaaten ausgebaggert wird, um zusammen mit Wasser und Chemikalien das Schiefergestein in den großen Vorkommengebieten aufzubrechen.

Selbst Sitzplätze bei McDonalds werden in der Förderregion knapp - und Arbeitskräfte so rar, dass die Burgerbraterei neuen Angestellten 18 Dollar die Stunde zahlt und ihnen Boni anbietet, damit sich überhaupt jemand für den Tresenjob interessiert.

Historischer Schub für das US-Hinterland

Energiegiganten wie Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen, Chevron Börsen-Chart zeigen, Devon Energy und Royal Dutch Shell Börsen-Chart zeigen kaufen im großen Stil Land, um an dem Boom teilzunehmen. Shell hat Mitte März den Milliardenauftrag für einen Ethylen-Cracker nach Pennsylvania vergeben. Gouverneure und Bürgermeister aus vier amerikanischen Bundesstaaten hatten sich in den Niederlassungen des Ölmultis die Sohlen abgewetzt, um das lukrative Investment zu gewinnen.

Überhaupt: Allerorten wird schwer investiert. Selbst Youngstown, die alte Stahlmetropole von Ohio beispielsweise - vor 34 Jahren durch Werksschließungen zu einer Einöde degradiert - erlebt eine Renaissance. Der französische Stahlröhrenspezialist Vallourec SA baut dort für 650 Millionen Dollar eine neue Fabrik, in der Rohre für die hydraulische Förderung von Schiefervorkommen gefertigt werden.

Ohios Gouverneur erwartet bis 2015 satte 200.000 neue Jobs und 22 Milliarden Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung. "Für Ohio ist das der größte ökonomische Schub seit der Einführung des Pflugs", schwärmt Aubrey McClendon, der CEO der Chesapeake Energy Corp., dem derzeit aktivsten Bohrunternehmen in den USA.

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