Sonntag, 25. September 2016

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BCG-Experte "Wir sind auf dem Weg in die Pleite"

"Die Zentralbanken haben uns lediglich Zeit gekauft": Daniel Stelter (rechts) im Gespräch mit mm-Redakteur Henrik Müller (links)

Ist die Euro-Schuldenkrise überwunden? Nein, sagt Daniel Stelter, Berater der Boston Consulting Group. Die Euro-Zone sei gefangen in einem Teufelskreis: Das Problem seien nicht nur die hohen Schulden, sondern vor allem das ausbleibende Wachstum.

mm: Herr Stelter, fürs neue manager magazin haben Sie mit Ihrem Team umfangreiche Berechnungen zur Verschuldung Europas angestellt. Derzeit scheint sich die Lage an den Anleihemärkten ja halbwegs zu entspannen. Sind wir endlich auf dem Weg aus der Krise?

Daniel Stelter: Nein, wir haben uns lediglich Zeit gekauft - durch die Liquiditätsprogramme der EZB, durch das zweite Hilfspaket für Griechenland und den Schuldenschnitt. Aber wozu sie diese Zeit nutzen wollen, haben die Regierungen bislang nicht gesagt. Tatsache ist doch: Wir geraten immer tiefer in den Schuldensumpf, die Schuldenquoten in Relation zur Wirtschaftsleistung steigen immer weiter.

mm: Eigentlich ist der Westen pleite?

Stelter: Soweit würde ich nicht gehen, aber wir sind auf dem Weg in die Pleite. Insbesondere die Euro-Zone ist gefangen in einem Teufelskreis: Die hohen Schulden drücken das Wachstum, bei stagnierender oder sogar schrumpfender Wirtschaftsleistung ist es unmöglich, die Schulden abzubauen. Die Probleme werden immer größer statt kleiner.

mm: Der Westen spart sich immer tiefer in die Krise?

Stelter: Das ist die Lage. Derzeit befinden sich große Teile der Euro-Zone schon wieder in der Rezession. Wenn sich alle Staaten gleichzeitig durch Haushaltskürzungen zu helfen versuchen, dann besteht die Gefahr, dass es am Ende allen schlechter geht.

mm: Mohamed El - Erian, der Chef der Investmentgesellschaft Pimco, hat kürzlich vor einem unausweichlichen Schuldenschnitt auch für Portugal gewarnt. Zu recht?

Stelter: Eindeutig ja. Aber dabei wird häufig übersehen, dass in Portugal die Probleme eigentlich viel schwerer zu lösen sind als in Griechenland.

mm: Warum?

Stelter: In Griechenland ist lediglich die Staatsverschuldung sehr hoch, auch jetzt noch, nach dem Verzicht der privaten Gläubiger. Portugal hat aber zudem hohe Schuldenstände der Unternehmen und der Bürger. Übrigens ist das in Spanien und Irland, mit Abstrichen auch in Frankreich, ähnlich. Die Verschuldung insgesamt ist in diesen Ländern in Relation zum Sozialprodukt höher als in Griechenland. Und sie steigt weiter. Die exorbitanten Schuldenstände, für die es kein historisches Vorbild gibt, wirken stark wachstumshemmend. Und: Sie lassen sich kaum systematisch abbauen. Verständlich. Ein Unternehmen oder ein Bürger, der in der Vergangenheit unsolide gewirtschaftet hat, kann ja nicht einfach entschuldet werden - auf Kosten derjenigen, die solide gewirtschaftet haben und dann höhere Steuern zahlen müssen.

mm: Das würde als extrem ungerecht empfunden - und wäre vermutlich auch rechtswidrig.

Stelter: Richtig. Für manager magazin haben wir ja das Modell des Sachverständigenrats…

mm: …der einen Tilgungsfonds für die Euro-Staaten vorschlägt; dabei sollen die Schulden oberhalb von 60 Prozent des BIP sozialisiert werden, wobei sich die Staaten zum Abtrag binnen einer bestimmten Frist verpflichten…

Stelter: … konkret durchgerechnet und auch noch mal deutlich erweitert. Das Ergebnis ist, dass die Überschussschulden der Staaten - also jener Teil, der die 60-Prozent-Marke übersteigt - für die 17 Euro-Staaten zusammen rund 3,5 Billionen Euro betragen.

mm: Das ist viel Geld. Aber Sie glauben, dieser Betrag ließe sich geordnet abbauen.

Stelter: Das zeigen wir in unserem Modell. Das ist das Faszinierende: Es ginge - man muss es nur machen. Allerdings darf es nicht nur beim Abbau der Staatschulden bleiben, auch private Schulden müssen wir gemeinschaftlich reduzieren. Wir gehen davon aus, dass Schulden der privaten Sektoren, sobald sie über 90 Prozent des BIP liegen, nicht mehr geordnet abgebaut werden können, ohne die wirtschaftliche Entwicklung stark zu belasten. Insbesondere Spanien und Irland liegen weit über diesem Niveau. Diese privaten Schulden landen irgendwann beim Staat - nämlich, wenn die Insolvenzen auf die Banken durchschlagen und der Staat sie notfalls stützen muss.

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