Dienstag, 6. Dezember 2016

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Kostenwucher Erste Firmen blasen zum China-Rückzug

Firmenflucht zurück: Europas resignierte China-Auswanderer kehren heim
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Rasant steigende Löhne, eskalierende Transportkosten und eine aufgewertete Renminbi-Landeswährung: Die Herstellung in China wird für westliche Firmen zunehmend kostspielig. Immer mehr Unternehmen bringen daher ihre ausgelagerte Produktion wieder in heimische Gefilde zurück.

Vancouver - Im französischen Präsidentschaftswahlkampf ist ein Schaulaufen um den besten Industriepatrioten entbrannt. Von den Sozialisten bis ins Lager von Nicolas Sarkozy kommen Aufrufe, mehr französische Ware zu kaufen und wieder mehr Produktion ins Land zurück zu verlagern.

Sarkozy verlangt ein Garantiezertifikat, das die Herstellung in heimischen Landen bescheinigt. Doch lange bevor sich die Politiker des Themas bemächtigt haben, haben Firmen in weiten Teilen Europas begonnen, einen Teil ihrer Produktionsverlagerung nach Fernost zu überdenken und umzukehren. Die Globalisierung kommt teilweise ins Stocken.

Der Spielzeughersteller Meccano ist das jüngste und prominenteste Beispiel in Frankreich. Die Eigentümer Michael und Alain Ingberg hatten im vergangenen Jahrzehnt dem Outsouringboom folgend ihre Produktion nach China verlegt. Das Stammwerk in der französischen Hafenstadt Calais schien bereits abgeschrieben. Doch vor zwei Jahren holten die Ingberg-Brüder 20 Prozent der chinesischen Fertigung wieder zurück nach Calais.

Inzwischen wird schon wieder fast die Hälfte der Produktion dort bewältigt. "China hat sich geändert", sagt Michael Ingberg. "Die Löhne steigen schnell, der Renminbi wird aufgewertet, die Transportkosten gehen ständig in die Höhe". Das Unternehmen gewinne durch die Rückkehr ins Stammland zudem viel Flexibilität zurück, so Ingberg. "Die Arbeiter in den Fabriken werden knapp und damit auch die Lieferzeiten länger." Die Repatriierung der Produktion bei Meccano wurde vom Strategischen Investmentfonds Frankreichs mit einem Kredit in Höhe von 2,2 Millionen Euro unterstützt.

Doch auch andere Firmen entscheiden sich, das Rad ganz oder teilweise zurück zu drehen. Genevieve Lethu, ein Hersteller von hochwertigen Küchentischen, Porzellangeschirr und Töpfen, bringt seine Fertigung aus Südostasien zurück nach Savoy, weil die hohen Qualitätsansprüche nicht erfüllt wurden.

Mindestlöhne steigen um 20 Prozent

Überall in Europa finden sich Beispiele wie diese. Kapsch, ein Hersteller von Zugfunktechnik in Wien, verlagert sein Werk vom chinesischen Foshan zurück ins 8600 Kilometer entfernte Österreich. Die Leiterplatten und Funkstationen, die zuvor 500 chinesische Arbeiter im Perlfluss-Delta bauten, werden nun von 50 heimischen Arbeitern gefertigt.

Trotz des herben Produktivitätsvorteils kostet die Fertigung der Module im Hochlohnland Österreich zwar noch immer 5 Prozent mehr. Doch derzeit steigen die gesetzlichen Mindestlöhne in China um 20 Prozent pro Jahr, zudem muss die Inflation und die Aufwertung des Renminbi im Auge behalten werden.

Kapsch-Fertigungsleiter Martin Fichtner führt zudem an, dass von Wien aus nun viel schneller auf die Wünsche der europäischen Kunden reagiert werden könne. Dieser Hinweis zieht sich wie ein roter Faden durch die Erklärungen der industriellen Heimkehrer.

Auch in Deutschland finden sich solche Beispiele. Eines davon ist der Pfannenhersteller Berndes aus Arnsberg. Im Herbst gab das Unternehmen bekannt, einen Teil der Produktion nach Deutschland zurückzuholen. Die Rechnung in China, so Geschäftsführer Marcus Linnepe, gehe "nur bedingt auf", weil Aufträge in Arnsberg viel flexibler erledigt würden und kleinere Stückzahlen hergestellt werden könnten. Langfristig sollen wieder 70 bis 80 Prozent der Pfannen und Töpfe in Arnsberg produziert werden.

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