Samstag, 23. Juli 2016

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Schuldenkrise Europas Macht im Welthandel versickert

Vom Schwungrad abgekoppelt: Wie Europas Wirtschaft sich marginalisiert
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DPA

Gefährliche Folgen der Euro-Krise: Europas Direktinvestitionen in die globalen Wachstumsmärkte sinken. Viele Euroland-Banken ziehen sich aus Osteuropa zurück. Börsendebüts werden abgeblasen. So droht Europa von den Kraftfeldern der globalen Konjunktur abgekoppelt zu werden - mit Folgen.

Hamburg - Europas Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen der Welt. Das Finanzdesaster auf dem alten Kontinent bremst Brasiliens Aufschwung aus. Es führt zu stockenden Krediten in Asien, zu neuer Rezessionsangst in Kanada und zur Furcht vor einem zweiten Lehman-Debakel in den USA. Doch viele dieser Analysen und Beobachtungen über die Folgen des Dramas im Euro-Land übersehen eins: Europa schadet vor allem sich selbst, insbesondere seiner Position und Rolle in der globalen Wirtschaft. Und die Schleifspuren sind bereits gut sichtbar.

Europas Banken beginnen einen Rückzug aus dem einst gepriesenen Wachstumsmarkt Osteuropa. Um strengere Kapitalvorschriften zu erfüllen, trennen sie sich von profitablen Beteiligungen; selbst die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen muss den Verkauf ihrer Vermögensverwaltung prüfen. Die europäischen Geldhäuser verlieren zudem wichtige Marktanteile im syndizierten internationalen Kreditgeschäft, vor allem in Asien. Dort haben sie laut jüngster Erhebungen der Citigroup Börsen-Chart zeigen einen Anteil von 42 Prozent an allen Ausleihungen an Nicht-Banken in der ganzen Region.

Auch ihre Bedeutung bei der Finanzierung von Handelsgeschäften in Schwellenmärkten leidet. Und Börsengänge junger Unternehmen, die sich Kapital besorgen wollen um zu wachsen, sind in Frankfurt am Main praktisch zum Erliegen gekommen, während sie an einigen asiatischen Finanzplätzen zwar lahmen, aber weitergehen. Das reduziert Europas Anteil an dynamischen Wachstumssegmenten der globalen Industrie. Mehr noch: Weil die Importe nach Europa einbrechen, wie man den Ausfuhrstatistiken asiatischer Länder wie Singapur, Korea und China entnehmen kann, sinkt Europas Anteil am Welthandel. Und selbst die Versorgung führender Schwellenländer wie China mit ausländischen Direktinvestitionen stockt oder sinkt, weil die Europäer auf die Bremse treten.

Notverkauf der profitabelsten Assets

Im Klartext: Die Schuldenkrise beginnt, Europas Position in der Weltwirtschaft zu untergraben. Dieser Prozess beginnt zwar erst. Aber er wird langfristig Folgen für Firmengewinne und Wachstum in Europa haben. Im schlimmsten Fall wird er Europa vorübergehend von der Wachstumslokomotive Asien abkoppeln - wenn nicht auch noch längerfristige Folgen haben.

Europas Banken verkaufen für den Rückzug schließlich auch noch ihre profitabelsten Assets. Denn Aktienemissionen machen wenig Sinn, weil die Dividendenpapiere oft nur noch mit der Hälfte des Buchwertes gehandelt werden. Da ist es besser, physische Anlagen und Beteiligungen zu veräußern. Nach Angaben von Bloomberg haben europäische Banken angekündigt, in den kommenden zwei Jahren weltweit Beteiligungen für 950 Milliarden Euro abzustoßen. Die Commerzbank Börsen-Chart zeigen und die italienische Unicredit Börsen-Chart zeigen haben angekündigt, ihre Aktivität in Osteuropa, das bis vor kurzem noch eine Priorität war, zu reduzieren; die Unicredit ist mittlerweile fast verzweifelt au der Suche nach Kapital. Doch weiter:

Die belgische KBC verkauft ihren Versicherer in Polen. Die französische Credit Agricole, Frankreichs drittgrößte Bank, zieht sich aus 21 von 53 Ländern zurück. Portugals größtes Geldinstitut, die Banco Espirito Santo, verkaufte Beteiligungen an der Banco Bradesco in Brasilien und einen Teil ihrer Beteiligung an der dänischen Saxo Bank. Die ING, der größte Finanzdienstleister der Niederlande, trennt sich im Umfang von 2,6 Milliarden Euro von seinem lateinamerikanischen Versicherungsgeschäft. Die Deutsche Bank prüft ähnliche Pläne.

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