Mittwoch, 31. August 2016

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Aufschwung beendet Bric-Implosion gefährdet deutsche Wirtschaft

Schwellenlandhandel: Vom Treibriemen zum deutschen Problem
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Corbis

Europa nahe der Rezession, die USA dümpeln vor sich hin, jetzt bremsen auch noch die gerühmten Bric-Staaten aus Brasilien, Russland, Indien und China die Konjunktur scharf ab. Für die deutsche Wirtschaft und den hiesigen Jobmarkt kommt die Implosion des Wachstumsbollwerks zur ungünstigsten Zeit.

Vancouver - Brasiliens Wirtschaft wächst nicht mehr. In China sinkt erstmals seit Jahren die Industrieproduktion. In Indien bricht die gewerbliche Fertigung auf den schwächsten Wert seit zweieinhalb Jahren ein. Und Russland erlebt bei rekordhoher Abhängigkeit seines Haushaltes vom Ölpreis die größten Proteste seit dem Kollaps der Sowjetunion.

Die Bric-Staaten, das letzte Bollwerk des Wachstums auf dem Planeten, wandeln sich mit rasantem Tempo vom Treibriemen zu einem Problem der globalen Wirtschaft. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der die deutsche Exportwirtschaft stärker als je zuvor auf diese Region setzt. Mehr noch: Im Oktober mussten deutsche Exporteure schon den kräftigsten Rückgang seit 2010 verkraften, vor allem wegen der schwachen Absatzmärkte in der Euro-Zone, an die hiesige Hersteller 40 Prozent ihrer Ausfuhren verkaufen.

Die Bric-Gruppe sorgt in der deutschen Wirtschaft seit Jahren für erfreuliche Exportzahlen, allen widrigen Bedingungen im Welthandel zum Trotz. Im vergangenen Jahr setzten deutsche Unternehmen in Brasilien, Russland, Indien und China Waren für 100 Milliarden Euro ab. Deutsche Markenartikel sind dort laut einer Studie des Kölner Unternehmensberaters Globe One mit Abstand die begehrtesten Produkte. Mehr noch.

Die deutschen Ausfuhren in die USA waren zuletzt mit lediglich 66 Milliarden Euro nur noch fast halb so groß wie die Bric-Exporte. Laut des Instituts der Deutschen Wirtschaft entfachten die Brics in sieben Jahren seit 2002 einen größeren Importsog für die globale Wirtschaft als die USA. Ihr Anteil am globalen Importvolumen stieg von knapp 6 Prozent im Jahr 2000 auf zuletzt 14 Prozent an.

Schwellenländer leiden unter schlappem Euro-Land

Doch ausgerechnet jetzt machen sie schlapp. Für zahlreiche deutsche Firmen könnte das gravierende Folgen haben. Beispiel Siemens Börsen-Chart zeigen: Der Elektrokonzern verbuchte im vierten Finanzquartal auf Jahresbasis ein weltweites Umsatzplus von 9 Prozent. Das Geschäft der Münchener wuchs in den Schwellenmärkten - vor allem den BRICs - mit 24 Prozent fast drei Mal so schnell. Von Hochgeschwindigkeitszügen über Kraftwerke bis hin zu Industrieautomatisierung erlebt Siemens in den großen Schwellenländern phänomenale Zuwächse. In China erhielt das Unternehmen jüngst den ersten Auftrag für einen Offshore-Windpark. Die Volksrepublik ist auf diesem Gebiet inzwischen der größte Markt weltweit.

Für Siemens ist das Reich der Mitte zudem schon der weltweit zweitgrößte Markt im Bereich Healthcare. In diesem Geschäftssegment zeigen sich die Dynamik und die rasant wachsende Bedeutung der Bric-Länder ganz besonders. Bei Healthcare verzeichnete Siemens im jüngsten Quartal in Amerika nur moderates Wachstum, in Europa ging das Geschäft sogar zurück: In Asien dagegen wuchs es um 11 Prozent. Die Schwellenmärkte machten bei Siemens im jüngsten Quartal schon 32 Prozent des weltweiten Geschäfts aus.

Auch Russland wird für den Konzern zunehmend ein Wachstumstreiber. Dort ist Siemens ein bevorzugter Lieferant beim Ausbau der Eisenbahn- und Stromnetze. Nach Inbetriebnahme der Schnellzugstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg kann Siemens auf Großaufträge hoffen. Im Juni unterschrieb der Konzern zusammen mit seinem Joint-Venture-Partner Sinara einen Vorvertrag über die Lieferung von 1200 Wagen mit einem Wert von rund zwei Milliarden Euro. Die Fertigung bei Jekaterinburg soll 2013 beginnen.

Ähnlich sieht das beim Maschinen- und Anlagenbauer Voith aus, der allein in Asien schon doppelt so viel verkauft wie in Nordamerika. Dass das Unternehmen trotz Finanzkrise und großer Rezession in den vergangenen Jahren stetig wachsen konnte, ist vor allem auch den Bric-Ländern zu verdanken. Dafür sorgen zahlreiche neue Produktionsstätten in der Region, wie Voith Hydro in Indien und die "Paper City" im chinesischen Kunshan. Voith-Chef Hubert Lienhard hat die Bric-Gruppe zu einem wesentlichen Element der Wachstumsstrategie erkoren. "Im Papiermarkt kommt der größte Teil des Neugeschäfts aus China", sagt Lienhard. "In andere Bereichen wie dem Aufbau der Schieneninfrastruktur sind die Wachstumschancen ebenfalls gewaltig. Mittelfristig könnte der Kontinent durchaus die Hälfte unseres Umsatzes ausmachen".

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