Montag, 20. November 2017

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Dauerarbeitslosigkeit Amerikaner zittern vor dem Europa-Syndrom

Neue Angst: US-Jobsucher fürchten europäische Verhältnisse
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REUTERS

Es war eine handfeste Überraschung: Die US-Arbeitslosigkeit ist zuletzt deutlich gesunken. Doch von einer Trendwende ist Amerika weit entfernt. Unter US-Jobsuchern keimt viel mehr die Furcht vor Langzeitarbeitslosigkeit und europäischen Verhältnissen auf.

Washington - US-Präsident Barack Obama hat seinen Wahlkampf für die Präsidentenwahl 2012 begonnen. Die Belebung von Konjunktur und Arbeitsmarkt stehen im Zentrum seines Programms. Doch die jüngsten Zahlen vom Jobmarkt verheißen für Obama schwierige Monate. Denn trotz der zuletzt erfreulichen Zahlen - ein Plus von 120.000 Jobs im Oktober - fehlen Amerika fünf Millionen Arbeitsplätze, die seit der Finanzkrise verschwunden sind.

"Die Menschen in diesem Land arbeiten hart, um ihren Verpflichtungen nachzukommen, die Frage ist, ob wir in Washington das auch tun", hatte Obama am 8. September im US-Kongress gesagt. An diesem Tag legte er dem Parlament mit einer viel beachteten Rede sein 450 Mrd. Dollar umfassendes Programm für über zwei Millionen zusätzliche Jobs dar. Geblieben ist davon kaum etwas. Die Republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus hat die Jobinitiative bis auf die Knochen abgenagt, weil sie für jede Ausgabe, die Arbeitsplätze schaffen soll, an anderer Stelle Einsparungen sehen will.

Obamas Initiative hängt in den parlamentarischen Katakomben der US-Hauptstadt fest. Und die Konjunktur wächst bis mindestens 2012 zu langsam, um so viele Jobs zu schaffen, dass der private Konsum - der 70 Prozent der Volkswirtschaft unter Strom hält - eine nachhaltige Erholung anfeuern kann. So jedenfalls hat die Zweigstelle der US-Notenbank in Philadelphia Mitte November in einem Bericht die konjunkturelle Gefechtslage beschrieben. "Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und die Beschäftigung werden in absehbarer Zeit kaum auf das Niveau zurückkehren, das sie vor der großen Rezession erreicht hatten", schreibt die Fed in dem Papier.

Das klingt nach mächtig viel Gegenwind für den Präsidenten. Doch der hat in jüngster Zeit etwas Schützenhilfe von der Konjunktur bekommen, was ihm im Wahlkampf Rückenwind beschert. Im jüngsten Berichtsmonat haben in den USA Industrieproduktion, die Aktivität der gebeutelten Bauindustrie und die Umsätze im Einzelhandel wieder zugenommen. Am Black Friday vor zehn Tagen legten die Erlöse in den Shoppingmalls und Kaufhäusern im Jahresvergleich um 16 Prozent zu. Eine erfreuliche Beschleunigung vom Oktober, als die verfügbaren Einkommen laut dem Handelsministerium zwar um 0,7 Prozent zulegten, doch der Konsum nur um schlappe 0,1 Prozent mitzog. Im Klartext: Bis vor wenigen Wochen traten die US-Familien trotz wachsender Cashbestände in ihren Portmonnaies auf die Konsumbremse. Jetzt vor Weihnachten scheinen sie wieder mehr Gas zu geben.

Kein neuer Konjunkturschub durch die US-Notenbank

All das spielt Obama auf den ersten Blick in die Hände. Genauso wie der Rückgang der Arbeitslosigkeit von 9,0 Prozent auf 8,6 Prozent im November. Diesen scheinbar deutlichen Rückgang von einem auf den anderen Monat meldete am Freitag das Arbeitsministerium. "Die Gezeiten wechseln zu Gunsten des Präsidenten", freute sich der Politik-Blog "The Hill", der das parlamentarische Treiben in Repräsentantenhaus und Senat täglich aufzeichnet und analysiert.

"Die Demokraten haben 2012 sehr gute Wahlchancen, wenn die Wirtschaft sich weiter bessert", jubelte am Freitag auch der Demokratische Abgeordnete Norm Dicks aus dem Bundesstaat Washington. "Keine großartigen Nachrichten, aber wenigstens gute", pflichtet ihm der Chefökonom Nariman Behravesh beim Research-Unternehmen IHS in Lexington, Massachusetts, bei. Behravesh hält die sinkende Arbeitslosenrate für eine so gute Entwicklung, dass er jetzt von der Fed am 13. Dezember bei ihrer nächsten Sitzung kein neues großes Kaufprogramm zur Unterstützung der Finanzmärkte erwartet.

Von vielen Seiten scheinen in diesen Tagen über den Erwartungen liegende, wenn auch keine sensationellen Konjunkturzahlen zu kommen. Das Barometer des Conference Board für die Beschäftigungs-Trends in den USA kletterte im November auf ein Dreijahreshoch. Beim internationalen Vergleich der Einkaufsmanagerindizes zeigt sich überdies: Die USA weisen für den November einen Indexwert von fast 53 aus. Damit ist die größte Volkswirtschaft auf dem Planeten die einzige, deren Einkaufsmanager besser gelaunt sind als im globalen Schnitt, der bei 49,6 liegt. Die Werte für Deutschland, China, Frankreich und Italien liegen teilweise deutlich darunter.

Optimistischere Einkaufsmanager bestellen mehr Ware und verheißen mehr Beschäftigung. Eine solche "Beschleunigung" erwartet für Anfang 2012 auch Gad Levanon, der Research-Direktor beim Conference Board. Dazu passt auch das Ergebnis der jüngsten monatlichen Umfrage der Beratungsgesellschaft Challenger, Gray & Christmas in Chicago. Sie hat einen Rückgang der geplanten Stellenstreichungen in US-Firmen gegenüber dem Vorjahresmonat November 2010 um satte 13 Prozent festgestellt. Und in der Bauwirtschaft, die wegen des implodierten Immobilienmarktes noch immer darniederliegt, wird für den Oktober die dritte monatliche Zunahme bei neuen Projekten registriert.

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