Mittwoch, 27. Juli 2016

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Thailand Flutdesaster bedroht globale Lieferketten

Weggespült: Thailandflut bedroht globale Produktion
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Getty Images

Es ist ein regionales Desaster. Doch der Rest der Welt ist längst nicht so weit von Thailands Flutfolgen entfernt, wie es scheinen mag. Japans Autoriesen Toyota und Honda müssen bereits ihre Produktion drosseln. Und bald könnten auch deutsche Konzerne betroffen sein.

Hamburg - Thailands schlimmste Hochwasserkatastrophe seit 50 Jahren wird für global aufgestellten Unternehmen zum zweiten Lieferkettenschock innerhalb weniger Monate. Der erste Härtetest kam im Frühjahr und Sommer nach dem verheerenden Erdbeben in Japan. Damals mussten Autohersteller und Elektronikfirmen monatelang bis nach Nordamerika die Produktion drosseln, weil wichtige Teile nicht mehr geliefert wurden. Auch deutsche Firmen, etwa Volkswagen, hatten wochenlang mit der Zulieferung wichtiger Teile zu kämpfen.

Gelernt haben die meisten Firmen in Europa, Amerika und Asien aus dem Monate währenden Infarkt ihrer Bezugsnetzwerke kaum etwas. Das ist jedenfalls der Eindruck, den sie Monate nach der Japan-Katastrophe vermittelten:

"80 Prozent der Firmen sind nur eine Naturkatastrophe vom Lieferketten-GAU entfernt", heißt es bei der Unternehmensberaters A.T. Kearney. In einer globalisierten Welt, die immer stärker in das von Erdbeben und Hochwasser geplagte Asien verlegt, ist das eine sträfliche Vernachlässigung. Sie kann Firmen komplett von der industriellen Landkarte austilgen und ganze Regionen in Arbeitsplatz leere Wüsten verwandeln.

In der Industriezone Bang Pa-In unweit der Hauptstadt Bangkok - in der 41 Prozent von Thailands Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwirtschaftet werden - steht die braune Brühe der Monsoon-Fluten einen Meter hoch zwischen Dutzenden von Fabriken. Wo sonst Gabelstapler fahren, bergen Arbeiter jetzt mit Wassermotorrädern und Schlauchbooten Computer-Komponenten aus den Lagerhäusern. Dabei müssen sie vorübergehend weniger auf Stoppschilder achten, und dafür mehr auf Krokodile. Helfer in orangen Schwimmwesten versuchen aus den oberen Etagen der Industriegebäude zu retten, was noch zu retten ist. An manchen Fließbändern sieht es dagegen aus wie in einem Aquarium. An vielen Verladestellen, wo sonst Lkw andocken, springen Fische aus dem Wasser.

Der Fluss von Zulieferteilen versiegt

Solche Bilder dominieren seit Mitte Oktober Thailands Fernsehen. Die Handelkskammer schätzt den Schaden auf mehr als acht Miliarden Dollar für das südostasiatische Land. Tourismusminister Chumphol Silpa-archa fürchtet bis zu eine Million weniger Besucher im laufenden Jahr. Die Ernte des größten Reisexporteurs auf dem Planeten könnte ein Viertel geringer als im vergangenen Jahr ausfallen. Und die Analysten der Kasikorn Bank in Bangkok haben die BIP-Prognose für Thailand im laufenden Jahr von plus 3,8 Prozent auf 1,7 Prozent zurückgenommen.

Doch der Rest der Welt ist längst nicht so weit von diesem Desaster entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Japans Autoprimus Toyota Börsen-Chart zeigen muss seine Fertigung in Japan, Südafrika, Indonesien, den Philippinen, Vietnam und Malaysia zurückfahren. Im Heimatland Japan werden die Fließbänder nur zu 70 bis 80 Prozent ausgelastet, weil wichtige Teile aus den Fabriken in Thailand kommen nicht bei. Der Fluss von mehr als 100 Autoteilen wurde unterbrochen oder gestört. Selbst in den Toyota-Fabriken der USA werden Schichten gestrichen.

Die Nachwirkungen des japanischen Bebens, dem eine vernichtende Tsunami folgte, dezimierte den Umsatz des Autoriesen im dritten Quartal um 5 Prozent. Der starke Yen reduzierte die Gewinne aus Übersee zusätzlich. Und jetzt noch Thailand: In der vergangenen Woche musste das Unternehmen schließlich seine Gewinnschätzung für das laufende jahr nach unten revidieren. Die Flut in Thailand erweist sich dabei für die japanischen Autobauer wie eine schlimme Ironie: Toyota und seine Mitstreiter hatten in den 80er und 90er Jahren umfangreich Produktion nach Thailand verlagert, um dem starken Yen zu entgehen.

Toyotas Rivale Honda Börsen-Chart zeigen ist das am schwersten betroffene japanische Autounternehmen. Hondas Fabrik im Gewerbegebiet Ayutthaya steht unter Wasser. Das Unternehmen fertigt in Thailand 240.000 Autos im Jahr. Satte 35 seiner Toplieferanten stehen unter Wasser. In dieser Woche griffen die Folgen der Katastrophe in Thailand für Honda auf den vierten Kontinent über. Jetzt muss auch die Fertigung in Brasilien gedrosselt werden, nachdem in der Vorwoche auch in Großbritannien die Produktion gebremst worden ist. Nach Firmenangaben könnte die Wiederaufnahme des Normalbetriebs bis zum März dauern.

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