Freitag, 9. Dezember 2016

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Broker-Pleite Die globalen Schockwellen von MF Global

Erstes Opfer der Euro-Schuldenkrise in den USA: Entsteht aus der Euro-Krise eine globale Kettenreaktion?

Die Insolvenz des Brokers MF Global zeigt, dass die Euro-Schuldenkrise auch für die Wall Street brandgefährlich ist - und dass sie nichts aus der Krise von 2008 gelernt hat. US-Banken unterschätzen ihre Europa-Risiken offenbar systematisch: Wenn sich im milliardenschweren Derivategeschäft alle gegenseitig absichern - wer zahlt am Ende?

Hamburg - Die Pleite des US-Wertpapierhändlers MF Global zeigt vor allem eines: Die globale Reichweite der europäischen Schuldenkrise. Sie ist mit einem Paukenschlag auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen, und sie schallt gleich zurück. Laut den Unterlagen des zuständigen Insolvenzgerichts in Manhattan besetzt die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen nach dem US-Geldhaus JP Morgan Chase die ersten vier Positionen in der Liste der Gläubiger bei MF Global.

Etwas mehr als eine Milliarde Dollar stehen im Feuer. Dass das führende deutsche Geldhaus bei MF Global hauptsächlich als Treuhänder aktiv war, ist kaum ein Trost - zumindest nicht für die Besitzer der Anleihen.

Im Laufe dieser Woche zog der Kollaps des Brokerhauses weltweit weitere Kreise. In Singapur standen Investoren vor dem lokalen Büro von MF Global stundenlang Schlange, weil sie ihr Geld zurück haben wollen.

In Hong Kong berichten Headhunter den lokalen Zeitungen, dass Mitarbeiter von MF Global serienweise Bewerbungsschreiben verschicken, um sich möglichst schnell abzusetzen. Erst in den vergangenen 12 Monaten hatte der Wertpapierhändler seine erste Niederlassung mit Researchabteilung und Verkaufsmannschaft für den Großraum China aufgebaut. Und in Indien, wo MF Global 70 Prozent am Gemeinschaftsunternehmen mit Sify Technologies hält, bemüht sich Geschäftsführer Vineet Bhatnagar um Schadensbegrenzung: "Weil sie ein Joint Venture ist, wird die indische Gesellschaft von MF Global nicht automatisch abgewickelt, wir sind gut kapitalisiert und bleiben von dem Drama unberührt".

Risiken bei Derivaten: Niemand hatte MF Global auf dem Monitor

Verzweifeln müssen Kunden des Brokers und Futures-Spezialisten, der laut Insolvenzantrag "einer der weltweit führenden für börsennotierte Derivative war", auch nicht automatisch - jedenfalls nicht, bis die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft und des Insolvenzverwalters abgeschlossen sind. Analysten in den USA halten den möglichen Schaden für "verkraftbar".

David Hendle, Chef für die US-Finanzen beim unabhängigen Researchhaus CreditSights, hält das Risiko für begrenzt: "Wir haben uns im Lichte des Insolvenzantrages die Risiken der US-Banken bei MF Global angeschaut, unser Eindruck ist, dass es sich um verkraftbare und nicht signifikante Risiken handelt".

Die Aktionäre dürften dies jedoch anders sehen. Das Papier verlor am Mittwoch, als die MF Global-Aktie nach zwei Tagen Pause wieder gehandelt wurde, 82 Prozent. Schon in der Vorwoche waren die Anteilscheine 66 Prozent abgestürzt.

Doch der eigentlich gravierende Schaden aus dem MF Global-Desaster ist ein anderer: Niemand hatte MF Global bei früheren Analysen von Derivaterisiken auf dem Monitor, und das zerstört noch mehr Vertrauen. "Als JP Morgan kürzlich seine Verstrickung in europäische Anleihen unter Analysten diskutierte, hat es da MF Global aufgezählt? Wir glauben nicht, und trotzdem entpuppt sich JP Morgan jetzt als der größte Gläubiger des Brokerhauses mit 1,2 Mrd. Dollar", schreibt der New Yorker Finanzexperte Dan Freed auf der Webseite "The Street". US-Banken unterschätzten offenbar systematisch die Risiken aus ihrem Europa-Engagement.

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