Mittwoch, 28. Juni 2017

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EU-Gipfel Argentiniens Präsidentin als Schulden-Lotsin

Kanzlerin Merkel und Argentiniens Präsidentin Kirchner (im Oktober in Berlin): Eigene Erfahrungen mit Schuldenkrisen

Argentinien als Lösung für das griechische Dilemma - das erscheint absurd. Schließlich haben die Südamerikaner nach der Pleite vor zehn Jahren immer noch Restschulden. Doch ihnen gelang ein formidabler Aufstieg ohne Hilfe von außen. Wie haben sie das gemacht?

Buenos Aires - Blanker Hass schlägt dem griechischen Ministerpräsident Georgi Papandreou in seinem Land entgegen und Europas übrigen Staats- und Regierungschefs bei ihnen zuhause Häme. Denn auch das heutige EU-Gipfeltreffen in Brüssel, dem schon ein gutes Dutzend vorausging, wird weder die letztgültige Höhe der Griechenland-Hilfe, noch die Hebelwirkung für den Euro-Rettungsfonds EFSF oder die künftige Kapitalstärkung der Banken klären. Die Stimmung ist mies, doch nicht überall.

In Buenos Aires ziehen noch nachts um drei Menschen singend und Fahnen schwenkend durch die Straßen. Ein Vater trägt seine schlafende Tochter im Arm. Ein Paar küsst sich mitten auf der Straße. Eine Gruppe junger Leute tanzt unter "Cristina"-Rufen vorbei. In Argentiniens Hauptstadt haben die Anhänger von Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner in der Nacht des vergangenen Sonntags die Wiederwahl der Staatschefin - sie kam auf mehr als 53 Prozent der Stimmen - gefeiert und sie als Heldin bejubelt. Keine Hass, Häme oder auch nur Politikverdrossenheit.

So könnte es in Griechenland in einem Jahrzehnt auch zugehen. Denn Argentinien war 2001 in einer ähnlichen Lage wie Griechenland heute. Das Land war pleite, die Arbeitslosigkeit schnellte hoch, breite Bevölkerungsschichten verloren ihre Ersparnisse, es brach sogar eine Hungersnot aus.

Aber Argentinien war nur ein einziges Quartal in der Rezession. Griechenlands Wirtschaftsleistung schrumpft dagegen schon seit Ende 2008. Argentinien legt seit 2002 das stärkste Wachstum aller westlichen Länder hin, und das ohne ausländische Stütze. Griechenland muss dagegen mehr als zwei Jahre nach Beginn der Krise - also in einer Phase, da Argentinien schon voller Hoffnung mitten im Aufschwung war - um astronomische Hilfen betteln. Für Argentinien war der Bankrott im Dezember 2001 ein Ende mit Schrecken, für Griechenland ist das Gezerre um die Rettung ein Schrecken ohne Ende. Und das ist es für den deutschen Steuerzahler auch.

Geierfonds drohen mit Prozessen

Dennoch: Wenn Argentiniens Finanzminister und künftiger Ministerpräsident Amado Boudou den Griechen empfiehlt, einen Schuldenschnitt mit höheren Sozialleistungen und Staatsausgaben zu kombinieren, anstatt mit " religiösem Eifer" auf Finanzmarktmethoden zu beharren, "die das Problem nur schlimmer machen" - dann erntet er in europäischen Expertenkreisen Kopfschütteln.

Denn ausgerechnet der Fall Argentiniens soll als Blaupause für ein erfolgreiches Krisenmanagement herhalten? Argentiniens Inflation liegt offiziell bei gut 10, aber privaten Schätzungen zufolge - deren Publikation allerdings verboten ist - bei rund 25 Prozent. Argentinien verhandelt noch immer über seine verbliebenen Schulden mit dem für die staatlichen Gläubiger zuständigen Club de Paris. Und private Gläubiger in Gestalt so genannter Geierfonds erreichten kürzlich, dass die USA bei der Kreditvergabe von Entwicklungsbanken an Argentinien ihr Veto einlegen, um das Land für seine miese Zahlungsmoral abzustrafen.

Auch deutsche Anleger haben mit argentinischen Staatsanleihen mehrere Milliarden Euro verloren; das Land ist auf den globalen Finanzmärkten ein Paria. Unternehmen in Argentinien beschweren sich über teils wöchentlich neue Direktiven und Regelungen, die ihnen nicht etwa schriftlich, sondern mündlich das Sekretariat eines Staatssekretärs übermittelt. Und das Wirtschaftswachstum Argentiniens der vergangenen Jahre gilt als Resultat des Rohstoffbooms, der den Export von Soja, Getreide und Rindfleisch befeuert - und nicht als Ergebnis kluger Wirtschaftspolitik. So ein Land soll Vorbild sein?

Doch halt. Manche Vorwürfe sind Folklore, wie etwa die Beschwerden europäischer Unternehmen über bürokratische Willkür, denn zugleich freuen sie sich über die guten Geschäfte in Argentinien. Und die Inflation? Angaben zur Teuerung sind in jedem Land mit Vorsicht zu genießen; auch den "Teuro" spürten viele Deutsche im Geldbeutel, deren Einkäufe sich nicht mit dem offiziellen Warenkorb deckten; zugleich fällt die Bilanz, wem der Euro denn nun in den vergangenen Jahren am meisten genutzt hat, durchaus zwiespältig aus. Und die geprellten Anleger? Nun, die einstige Regierung in Argentinien, der viele Deutsche auf den Leim gegangen sind, ist dort in weiten Teilen der Bevölkerung noch weit mehr verhasst als hierzulande. Daher ein nüchterner Blick auf die Zahlen.

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