Samstag, 22. Juli 2017

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Schuldenkrise Geht der Westen pleite?

US-Präsident Obama: Die enorme Staatsverschuldung ist nicht sein einziges Problem

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat den USA eine Herabstufung ihrer Bonität in Aussicht gestellt. Ein Alarmsignal. Dies ist ein Ereignis von globaler Tragweite: Praktisch alle westlichen Länder sind zu hoch verschuldet. Entsprechend nervös reagieren die Märkte.

Hamburg - Nein, das kommt nicht überraschend. Die Börsen, die Politik, die Medien - alle tun so, als sei es völlig neu, dass der Ausblick für die US-Bonität sich eingetrübt habe. Tatsächlich ist die Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P), die gestern einen negativen Ausblick gab, alles andere als überraschend. Seit längerer Zeit ist in Ratingberichten der Hinweis zu finden: Sollte der Dollar "seine derzeitige Rolle als Lieblingswährung der Welt" verlieren, müsse man die Bonität der USA überprüfen, kündigte S&P bereits vor mehr als zwei Jahren an - damals allerdings noch im Kleingedruckten.

Mit anderen Worten: Sollten die USA sich nicht weiterhin zu sehr niedrigen Zinsen in eigener Währung in Asien, vor allem in China, verschulden können, müsste man die fiskalische Solidität des Landes wohl in Zweifel ziehen.

Die Herabstufung des Bonitätsausblicks ist keine Formalie, sondern ein Ereignis von globaler Tragweite. Immerhin sind dieUSA der größte Schuldner der Welt. Und auch die meisten anderen westlichen Länder sind zu hoch verschuldet. Im aktuellen Heft befassen wir uns in einem umfassenden Report mit der kaum noch lösbaren Verschuldungskrise des Westens.

Nun steigen auch noch die Zinsen, und die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) hat für uns berechnet, wie sich die gesamtwirtschaftliche Schuldenlast entwickelt - mit niederschmetternden Ergebnissen. BCG-Partner Daniel Stelter hält es denn auch für quasi unmöglich, dass die Volkswirtschaften des Westens sich aus der Krise heraussparen können.

Die Lage ist fragil, nicht nur in Amerika. Deshalb droht eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA eine globale Kettenreaktion auslösen, die auch andere Schuldner mitreißen würde. Wenn auf US-Staatsanleihen kein Verlass mehr ist, was wäre dann noch sicher? Banken und Versicherungen weltweit hätten mit dramatischen Wertberichtungen zu kämpfen. Notenbanken in Asien, die große Mengen an US-Staatsanleihen als Reserven vorhalten, müssten rekapitalisiert werden. Ein Horrorszenario. Für Häme ist kein Platz. Europa, auch das vergleichsweise solide Deutschland, wäre mitbetroffen.

"Veränderungen, die viele für unmöglich halten"

Übertrieben? Unser düsterer Ausblick wird von offiziellen Stellen geteilt. Vorigen Freitag veröffentlichten die Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Staaten einen Bericht ("Global economic prospects and challenges"), in dem sie warnen: Die USA seinen "anfällig für einen abrupten Anstieg der Zinsen, der die globalen Anleihemärkte destabilisieren könnte".

Nein, all das kommt nicht überraschend. manager-magazin-Leser jedenfalls sollten vorbereitet sein. Seit 2002 haben wir immer wieder vor der übermäßigen und immer weiter steigenden Verschuldung der USA gewarnt. Zuletzt berichteten wir vergangenen Herbst in einem Artikel über die dramatische US-Verschuldung. In dem Stück kommt Mitch Daniels, der Gouverneur des Staates Indiana und möglicher republikanischer Präsidentschaftskandidat, zu Wort: Radikale Kürzungen der Sozialbudgets seien unausweichlich, wenn Amerika der Staatspleite entkommen und nicht als "das nächste Griechenland" enden wolle, sagte Daniels beim Gespräch mit mm. "Unsere Nation steht vor enormen Herausforderungen. Wir mussen Veränderungen vornehmen, die viele fur unmöglich halten." Ob die Wende gelinge, sei offen: "Wir betreten Neuland."

Kürzlich hielt Daniels eine Rede, in der er noch drastischer formulierte. Inzwischen vergleicht er die Schuldenkrise der USA mit dem Bürgerkrieg in den 1860er Jahren und dem Kalten Krieg in 1950er Jahren: Wieder einmal gehe es für die Nation schlicht ums Überleben. "Wie in jenen Tagen, ist das amerikanische Projekt mit einer tödlichen Gefahr konfrontiert." Der "Feind" - gemeint ist die Staatsverschuldung - bedrohe die Freiheit und sei sogar "noch unerbittlicher" als frühere Gegner. Das mag arg überspitzt klingen. Doch Daniels ist kein Spinner: Er ist ein moderater Konservativer vom Schlage George Bush senior, früher war er Topmanager beim Pharmakonzern Eli Lilly.

Kombination aus Verschuldung und strukturellen Schwächen

Es ist nicht allein die Staatsverschuldung, die Amerika bedroht. Es ist die Kombination mit der hohen privaten Verschuldung und den strukturellen ökonomischen Schwächen, die die Lage so prekär macht.

Vorige Woche hat der Internationale Währungsfonds (IWF) neue Zahlen vorgelegt. Danach ist der amerikanische Staat im Jahr 2011 mit 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschuldet; dieser Wert steigt schnell, weil die Regierung ein Primärdefizit (Budgetsaldo vor Zinszahlungen) von horrenden 9 Prozent fährt. Zur Staatsschuld addieren sich die Schulden der Privatbürger von 91 Prozent des BIP, der Unternehmen von 76 Prozent, der Finanzwirtschaft von 97 Prozent. Macht zusammen Verbindlichkeiten in Höhe von 364 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Natürlich, dies sind Bruttowerte, die nicht berücksichtigen, dass den Schulden Vermögenswerte gegenüberstehen, und die auch vernachlässigen, dass die Sektoren untereinander verschuldet sind - dass beispielsweise US-Privatbürger US-Staatsanleihen halten.

Doch die hohe Bruttoverschuldung zeigt, wie anfällig die USA für veränderte Bedingungen auf den Märkten sind. Dies umso mehr, als der amerikanische Staat kurzfristig verschuldet ist. Kaum ein hochentwickeltes Land hat eine kürzere durchschnittliche Fälligkeit seiner Staatsanleihen als die USA. Das mag zunächst billiger sein, aber es ist auch riskanter. Dieses Jahr muss Finanzminister Tim Geithner nach IWF-Berechnungen 29 Prozent des BIP an neuen Schulden aufnehmen, 2012 noch mal 26 Prozent. Es sei zwar unwahrscheinlich, so der Währungsfonds, dass es zu Refinanzierungsproblemen komme. Aber falls die Käufer von US-Anleihen doch ausbleiben sollten - wie es bereits Griechenland, Irland oder Portugal erlebt haben -, würde die Situation kritisch.

Dass die Schuldenberge, die über zwei, drei Jahrzehnte aufgetürmt wurden, auf seriöse Weise abgetragen werden können, wird unter den gegebenen Bedingungen immer unwahrscheinlicher. Aber wie gesagt: Niemand sollte davon überrascht sein.

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