Montag, 29. August 2016

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Kanadas Ölsand Chinas Gier nach dem Öl-Dorado

Ölsand: Wie China der Welt das Öl abgräbt
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AFP

Während in den arabischen Ölstaaten die Revolution in der Luft liegt, gerät Kanada ins Zentrum globaler Energiestrategien: Im stabilen Ahornland werden immer gigantischere, neuartige Ölquellen erschlossen. Die sichert sich jetzt China Zug um Zug - und versetzt Amerika und Deutschland in Aufregung.

Vancouver - Im Petroleum-Club von Calgary werden jetzt wieder dickere Steaks serviert und öfter Zigarren gereicht als während der Krise im Jahr 2009. Da war es vorübergehend so ruhig geworden, dass der feine Privatclub im Business District der Finanzdrehscheibe Alberta sich gezwungen sah, einen "Test Drive" anzubieten, eine Mitgliedschaft auf Probe, quasi ein Stimuluspaket gegen die schwindende Zahl von Geschäftsleuten mit Cowboyhüten in dem mächtigen Businesszirkel.

Das Lockangebot kann jetzt wieder kassiert werden, denn Kanadas Provinz Alberta steht vor einem wahren Ölrausch. Und der steigende Ölpreis ist nur ein Grund dafür.

Sicher, in den Bilanzen der Ölfirmen ist der Ölboom dank des Ölpreis-Sprungs über die 100 Dollar-Grenze für einen Barrel (159 Liter) schon zu erahnen. Die Exxon Mobil-Tochter Imperial Oil beispielsweise, Kanadas zweitgrößter integrierter Energiekonzern, meldete für das jüngste Quartal vor wenigen Tagen eine Gewinnsteigerung um 50 Prozent. Doch es geht um mehr als nur den Ölpreis.

Kanada im Epizentrum globaler Energiestrategien

Ein globaler Sturm zieht über das Land, schnell und mächtig, ausgelöst nicht zuletzt durch drei Nachrichten in den vergangenen Tagen. Sie haben das Ahornland ins Epizentrum globaler Energiestrategien gestoßen, ohne dass zwischen Halifax und Vancouver selbst jemand etwas dazu beigetragen hätte.

Proteste erschüttern weite Teile des Nahen Ostens. Sie werfen drängender als je zuvor die Frage nach der Sicherheit der Lieferquellen für westliche Länder auf. Hinzu kommen die von Wikileaks verbreiteten Depeschen amerikanischer Diplomaten zu Äußerungen des früheren Chefgeologen von Aramco, Saudi Arabien habe seine Vorräte um bis zu 40 Prozent überschätzt. Das hat in der Energiewirtschaft für ein Beben gesorgt.

Und schließlich der Paukenschlag am Donnerstag: Der chinesische Ölkonzern Petrochina sichert sich für 5,4 Milliarden Dollar die Hälfte des riesigen Cutbank-Gasfeldes von Encana im Nordosten der kanadischen Provinz British Columbia. Dies ist nur einer von zahlreichen Deals, mit denen Peking sich den Zugriff auf Energiereserven sichert.

14 Milliarden China-Dollar für Kanadas Ölsand

Es geht um 7,2 Millionen Kubikmeter Gasförderung pro Tag und um die größte Auslandsinvestition von Chinas führendem Energiekonzern. Der hat ganz offiziell erklärt, in den kommenden zehn Jahren weltweit mindestens 60 Milliarden Dollar auszugeben, um Reserven und Produktion so auszubauen, dass sie mit Chinas Turbowachstum schritthalten können. Mehr als 14 Milliarden Dollar haben staatliche Energiekonzerne aus der Volksrepublik seit 2008 in kanadische Öl- und Gasfirmen investiert.

Das grenzt an eine Provokation der USA. Denn bislang verkauft Kanada sein Öl ausschließlich in das südliche Nachbarland. Dank der Ölsande ist es zum größten Öllieferanten der angeschlagenen Supermacht aufgestiegen. Und Kanada, so scheint es plötzlich, hat auf alles eine Antwort:

Immense Reserven, eine starke Währung, eine stabile Demokratie, dazu solide Banken und - in den Augen von Investoren besonders wichtig - alle großen Projekte in Privatbesitz, nicht verstaatlicht wie im Nahen Osten, in Venezuela oder in Mexiko. Das schwarze Gold in Alberta - 95 Prozent von Kanadas Ölreichtümern - ist für internationale Investoren zugänglich.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis China mit beiden Händen im Westen Kanadas zugreifen würde. Im April 2010 erwarb die China Petroleum & Chemical Corp., Asiens führender Raffineriebetreiber, für 4,65 Milliarden Dollar den Anteil von ConocoPhillips am Ölsand-Produzenten Syncrude in Alberta. Im Dezember 2009 erhielt Petrochina dann von Kanadas Behörden bereits die Genehmigung, für 1,9 Milliarden Dollar Teile der Ölsandprojekte MacKay und Dover zu erwerben. Und weiter: Im August 2009 kaufte China Petrochemical für 8,3 Milliarden kanadische Dollar den Ölproduzenten Addax Petroleum in Calgary.

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