Freitag, 2. Dezember 2016

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Währungschaos Die Mutter aller Krisen

Zerrissene Handelsgemeinschaft: G20 streiten über Währungsfragen

Die Gefahr des Dollar-Crashs steigt. Das zeigen die letzten Warnungen aus Peking. Der G20-Gipfel muss alles tun, um ein solches Horrorszenario zu verhindern - der Rest der Welt sollte sich für das Schlimmste wappnen.

Das Urteil aus Peking ist harsch und alarmierend. Pünktlich zum G20-Gipfel hat die chinesische Ratingagentur Dagong Global Credit Rating wissen lassen, dass die Weltwährung Dollar am seidenen Faden hängt.

Kostproben: Der extrem expansive Kurs der Federal Reserve Bank drohe "die Attraktivität Dollar-denominierter Assets für ausländische Investoren zu reduzieren", so ist in dem Bericht zu lesen. Und: "Im Endeffekt zeigt die Abwertung des US-Dollars", die die US-Regierung vorantreibe, "dass ihre Zahlungsfähigkeit kurz vor dem Zusammenbruch steht". Die Folgen: "heilloses Chaos im internationalen Währungssystem". In diesem Sound geht es weiter, zehn Seiten lang.

Starker Tobak. Ein Dollar-Crash - das wäre die Mutter aller Krisen.

Man muss diese Aussagen ernstnehmen. Schließlich ist China der wichtigste Kreditgeber des amerikanischen Staates. In den letzten Jahren war die People's Bank of China der größte Aufkäufer von US-Staatsanleihen. Die Halter dieser Treasuries werden nun nervös, siehe den Dagong-Bericht. Die amerikanische Schuldendynamik und der angekündigte großangelegte Aufkauf von US-Staatsanleihen durch die Fed ("Quantative Easing 2") sorgen für Verunsicherung, weltweit, nicht nur in China.

Angewiesen auf den Rest der Welt

Doch in der Tat hängt die Bonität der USA entscheidend vom Willen Chinas ab, weiterhin Amerikas Defizite zu finanzieren. Auch angelsächsische Ratingagenturen wie Standard & Poor's (S&P) haben in den vergangenen Jahren die Topnote (AAA) an die USA nur noch vergeben mit dem Hinweis auf den Status des Dollars als Weltwährung Nummer Eins. Wenn der Dollar diese Rolle einbüße - wenn sich die USA also nicht mehr in eigener Währung zu niedrigen Zinsen finanzieren könnten -, dann könne dies "zu einem Abwärtsdruck auf das Rating führen" (so S&P bereits am 13. Januar 2009). Mit anderen Worten: Nur solange der Rest der Welt bereit ist, dem amerikanischen Staat Dollar-Anleihen abzukaufen, sind die USA ein Topschuldner.

China - Eigner der größten Dollar-Reserven der Welt - kommt in diesem Spiel die entscheidende Rolle zu. Wenn die Führung in Peking nicht mehr bereit ist, Schulden in US-Geld aufzukaufen, wird der Weltwährungsstatus des Dollars tatsächlich verloren sein. Die Auswirkungen dieser Entwicklung wären kaum absehbar: Amerika müsste mit einer sprunghaft steigenden Zinslast zurechtkommen. Womöglich könnte ein Staatsbankrott nur durch unbegrenzte Treasury-Käufe seitens der Fed abgewendet werden.

Ein extremes Szenario. Schon die Herabstufung der amerikanischen Bonität - sagen wir, auf japanisches oder italienisches Niveau - hätte weltweit dramatische Folgen. Die Kurse von US-Bonds, die größte Wertpapierklasse auf dem Globus, würden fallen, weitere gigantische Wertberichtigungen quer durch den globalen Finanzsektor fällig. Eine neue Runde von Banken- und Versicherungsrettungen wäre die Folge. Auch Notenbanken, zumal in den Dollar-satten Schwellenländern, müssten womöglich rekapitalisiert werden.

Eben weil die Folgen so unabsehbar desaströs wären, ist ein Dollar-Crash bislang nicht eingetreten. Aber die Vereinigten Staaten sollten sich nicht darauf verlassen, dass ihre Gläubiger ewig zu ihnen stehen. Beim G20-Gipfel steht Amerika wegen der expansiven Geldpolitik der Fed, die keine Rücksicht auf die internationalen Rückwirkungen nimmt, zu Recht in der Kritik. In Seoul sollte es deshalb vor allem um Beschwichtigung gehen - um die Mutter aller Krisen zu verhindern.

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