Konjunkturmanager magazin RSS  - Konjunktur

Alle Artikel und Hintergründe


27.10.2010
Twitter GooglePlus Facebook

Boom in Deutschland
Die deutsche Wirtschaft am Pranger

Ein Gastbeitrag von Carsten-Patrick Meier

Übersicht: Warum sich Deutschland und China stark unterscheiden
Fotos
REUTERS

2. Teil: Agenda 2010 und Euro sind Gründe für Deutschlands Aufholjagd

Maßgeblich hierfür waren zwei Politikmaßnahmen. Zum einen war es die Arbeitsmarktreform im Rahmen der "Agenda 2010". Sie dürfte der wesentliche Grund für die seit Mitte der vergangenen Dekade zu beobachtende Lohnzurückhaltung in Deutschland gewesen sein. Die Reform hat dazu beigetragen, dass der Preisauftrieb hierzulande geringer war als im Ausland - was die Wettbewerbsfähigkeit stärkte. Bei der "Agenda 2010" ging es jedoch originär eben nicht um die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, sondern um die Verbesserung des Systems der sozialen Sicherung.

Die zweite Politikmaßnahme, die Deutschlands relativ starke heutige Position mitbegründet hat, war die Einführung des Euro 1999. Die Währungsunion senkte die Zinsen in ehemaligen Hochzinsländern wie Spanien und Portugal und sorgte dort für einen binnenwirtschaftlichen Boom. Entsprechend beschleunigte sich die Inflation in diesen Ländern, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit erodierte.

Die Währungsunion sorgte zudem dafür, dass das Zinsniveau aus deutscher Sicht zu hoch blieb, zu hoch jedenfalls angesichts der schwachen Binnennachfrage hierzulande. Die realtiv hohen Zinsen bremsten den Preisauftrieb in Deutschland, mit dem außenwirtschaftlichen Effekt, dass die deutsche Wettbewerbsfähigkeit stieg.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Würde irgendjemand behaupten wollen, dass der Euro eingeführt wurde, um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen? Wohl kaum!

Gründe für Deutschlands und Chinas Überschüsse unterscheiden sich klar

Von einem auf den Export ausgerichteten Geschäftsmodell Deutschlands sollte daher besser nicht gesprochen werden. Die Gründe für die außenwirtschaftlichen Überschüsse Deutschlands und Chinas unterscheiden sich fundamental.

Und anders als in China, sind hierzulande bereits Anpassungsprozesse im Gang, die in Richtung auf eine deutlich stärkere Bedeutung der Binnenwirtschaft wirken. Dazu gehört das sehr niedrige Zinsniveau, das vermutlich noch eine ganze Zeit fortbestehen wird. Aber auch die absehbare Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands - sei es weil angesichts des leergefegten Arbeitsmarktes ein stärkerer Lohnauftrieb in den kommenden Jahren zu höherer Inflation führen dürfte, sei es weil Dollar und Pfund ihren Abwertungstrend fortsetzen. Und das dürfte dazu führen, dass binnenwirtschaftliche Sektoren künftig stärker wachsen, während exportierende deutsche Unternehmen verstärkt im Ausland produzieren.

Die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft ist also dabei, sich zu verändern, ganz ohne wirtschaftspolitische Intervention. Auch darin unterscheidet sich unsere Marktwirtschaft von der chinesischen.

Übersicht: Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt

Zur Startseite
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • deli.cio.us
  • Pinterest

Weitere Artikel zu Diesem Thema

Fuchs-Petrolub-Chef Stefan Fuchs
"Verzicht auf Kredite hat uns schon einmal gerettet"
Folge der Sanktionen
Deutsche Russland-Exporte brechen drastisch ein
Wirtschaftliche Entwicklung
Europa - der zerstückelte Kontinent
mm-Konjunktur-Indikator
Abkühlung, doch kein Grund zur Panik

© manager magazin online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH



Zum Autor

Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".

Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.

mm-Konjunktur-Indikator

  • Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
  • Neues Verfahren
    Gleichwohl ist der Indikator keine traditionelle Konjunkturprognose, wie sie von Wirtschaftsforschungsinstituten und internationalen Organisationen regelmäßig veröffentlicht werden. Der mm-Indikator beruht auf Befragungen von Managern, wie sie das Münchner Ifo-Institut im Rahmen des Ifo-Konjunkturtest erhebt. Das Verfahren hat sich seit Jahren bewährt. Vor allem im Bereich der kurzfristigen Prognose, wenn es darum geht, die laufende Entwicklung der Konjunktur, über die noch keine amtlichen Daten zur Produktion oder zum Auftragseingang vorliegen, einzuschätzen und den Produktionsanstieg im kommenden Quartal zu prognostizieren, sind die Umfragewerte zu einer unentbehrlichen Grundlage geworden.

    Die Innovation des mm-Indikators besteht darin, dass Aussagen für die konjunkturelle Entwicklung über den aktuellen Rand hinaus möglich sind.
  • Zeithorizont
    Um einen Prognosehorizont des Indikators zu erreichen, der über die bei Konjunkturindikatoren gängigen zwei oder drei Monate hinausgeht, wurde die gesamte vorliegende Historie der monatlichen Manager-Einschätzungen von mehr als 50 Jahren – und damit fünf vollständigen Konjunkturzyklen – mithilfe ökonometrischer Verfahren ausgewertet.

    Als maßgeblich stellten sich dabei die Antworten der Manager auf die Fragen nach der derzeitigen undder in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage. Außerdem zeigte sich, dass sich aus den Antworten bereits ab September des Vorjahres akzeptable erste Einschätzungen über den BIP-Anstieg im Folgejahr ableiten lassen. Daher wird der mm-Indikator sobald die Ergebnisse der Septemberumfrage vorliegen, also immer im Oktober, beginnen, einen Wert für den BIP-Zuwachs im Folgejahr auszuweisen, während gleichzeitig der Wert für den BIP-Anstieg im laufenden Jahr noch bis Dezember dargestellt wird.
  • Irrtumswahrscheinlichkeit
    Unternehmerische Entscheidungen werden stets unter Unsicherheit getroffen. Wie groß diese Unsicherheit mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung ist, darüber gibt der mm-Indikator ebenfalls eine Schätzung ab. Er stellt nicht nur den im jeweiligen Monat wahrscheinlichsten Wert für den BIP-Zuwachs dar, sondern weist zusätzlich ein Intervall aus, indem der BIP-Anstieg voraussichtlich liegen wird, wenn eine bestimmte Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschritten werden soll.

    Dargestellt ist das Prognoseintervall bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Drittel. Im langjährigen Mittel sollte der später ausgewiesene tatsächliche Anstieg des realen BIP also bei zwei von drei Prognosen in dem angegebenen Intervall liegen. Natürlich ließe sich auch eine deutlich geringere Irrtumswahrscheinlichkeit wählen, beispielsweise 5 Prozent. Dann wäre allerdings das Prognoseintervall deutlich breiter – und damit möglicherweise nicht mehr relevant für unternehmerische Entscheidungen. Im übrigen werden die vom mm-Indikator ausgewiesenen Werte naturgemäß im Jahresverlauf zunehmend präziser, schon weil unterjährig Quartalswerte für das reale BIP veröffentlicht werden, die bei der Indikatorberechnung berücksichtigt werden. Entsprechend schrumpft das Prognoseintervall des Indikators ohnehin von Monat zu Monat.
  • Konjunkturtest
    Neben den tatsächlichen statistischen Daten aus der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der monatliche Konjunkturtest des Ifo-Instituts die wichtigste Grundlage des mm-Indikators. Für diese Umfrage werden seit den 50er Jahren Monat für Monat mehrere tausend Manager in der deutschen Industrie, im Baugewerbe und im Handel befragt. Etwa seit 1960 gibt es einen stabilen und repräsentativen Berichtskreis.

    Zurzeit nehmen etwa 7000 Manager regelmäßig an der Umfrage zum Konjunkturtest teil. Sie äußern Einschätzungen zur laufenden Entwicklung von Produktion, Auftragseingang und –bestand sowie zu deren voraussichtlicher Entwicklung in den kommenden Monaten. Die Beurteilung ist dabei allerdings rein qualitativer Natur: Die Manager sollen nur angeben, ob sie die laufende Situation und die zukünftige Entwicklung als besser, genau wie zuletzt oder schlechter als im vergangenen Monat bewerten. Erst dadurch, dass am Schluss alle Einschätzungen gegeneinander aufgerechnet werden, wird aus den qualitativen Urteilen der Manager ein quantitatives Maß für die Konjunktureinschätzungen in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft.








Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Seminarmarkt: Tanken Sie Karrierewissen Seminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug? GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?