Mittwoch, 27. Mai 2015

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Boom in Deutschland Die deutsche Wirtschaft am Pranger

Übersicht: Warum sich Deutschland und China stark unterscheiden
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REUTERS

2. Teil: Agenda 2010 und Euro sind Gründe für Deutschlands Aufholjagd

Maßgeblich hierfür waren zwei Politikmaßnahmen. Zum einen war es die Arbeitsmarktreform im Rahmen der "Agenda 2010". Sie dürfte der wesentliche Grund für die seit Mitte der vergangenen Dekade zu beobachtende Lohnzurückhaltung in Deutschland gewesen sein. Die Reform hat dazu beigetragen, dass der Preisauftrieb hierzulande geringer war als im Ausland - was die Wettbewerbsfähigkeit stärkte. Bei der "Agenda 2010" ging es jedoch originär eben nicht um die Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, sondern um die Verbesserung des Systems der sozialen Sicherung.

Die zweite Politikmaßnahme, die Deutschlands relativ starke heutige Position mitbegründet hat, war die Einführung des Euro 1999. Die Währungsunion senkte die Zinsen in ehemaligen Hochzinsländern wie Spanien und Portugal und sorgte dort für einen binnenwirtschaftlichen Boom. Entsprechend beschleunigte sich die Inflation in diesen Ländern, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit erodierte.

Die Währungsunion sorgte zudem dafür, dass das Zinsniveau aus deutscher Sicht zu hoch blieb, zu hoch jedenfalls angesichts der schwachen Binnennachfrage hierzulande. Die realtiv hohen Zinsen bremsten den Preisauftrieb in Deutschland, mit dem außenwirtschaftlichen Effekt, dass die deutsche Wettbewerbsfähigkeit stieg.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Würde irgendjemand behaupten wollen, dass der Euro eingeführt wurde, um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen? Wohl kaum!

Gründe für Deutschlands und Chinas Überschüsse unterscheiden sich klar

Von einem auf den Export ausgerichteten Geschäftsmodell Deutschlands sollte daher besser nicht gesprochen werden. Die Gründe für die außenwirtschaftlichen Überschüsse Deutschlands und Chinas unterscheiden sich fundamental.

Und anders als in China, sind hierzulande bereits Anpassungsprozesse im Gang, die in Richtung auf eine deutlich stärkere Bedeutung der Binnenwirtschaft wirken. Dazu gehört das sehr niedrige Zinsniveau, das vermutlich noch eine ganze Zeit fortbestehen wird. Aber auch die absehbare Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands - sei es weil angesichts des leergefegten Arbeitsmarktes ein stärkerer Lohnauftrieb in den kommenden Jahren zu höherer Inflation führen dürfte, sei es weil Dollar und Pfund ihren Abwertungstrend fortsetzen. Und das dürfte dazu führen, dass binnenwirtschaftliche Sektoren künftig stärker wachsen, während exportierende deutsche Unternehmen verstärkt im Ausland produzieren.

Die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft ist also dabei, sich zu verändern, ganz ohne wirtschaftspolitische Intervention. Auch darin unterscheidet sich unsere Marktwirtschaft von der chinesischen.

Übersicht: Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt

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