Dienstag, 27. September 2016

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USA vor der Wahl "Amerikas Krise wird eine Generation dauern"

Verlassene Fabrik bei Detroit: "In der ganzen Great-Lakes-Region gibt es eigentlich nur zwei Städte, die wirklich funktionieren, das sind Chicago und Toronto in Kanada"

Starökonom Richard Florida sagt seinem Land eine lange, schmerzhafte Wirtschaftskrise voraus. Die Amerikaner müssten sich komplett umstellen, alles müsse auf den Prüfstand - wie sie leben, arbeiten, wohnen, wofür sie Geld ausgeben. Nach einem solchen Wandel allerdings habe Amerika große Chancen.

mm: Herr Professor Florida, im aktuellen Heft befassen wir uns mit den wirtschaftlichen Aussichten der USA. Niemand, mit dem wir gesprochen haben, ist so pessimistisch wie Sie: In Ihrem Buch "Reset" sagen Sie Amerika eine Krise voraus, die 20 bis 30 Jahre dauern wird. Wie kommen Sie zu dieser düsteren Vorhersage?

Florida: Amerika hat ein kurzes historisches Gedächtnis. Deshalb schauen wir uns immer die Große Depression der 30er Jahre an und ziehen daraus unsere Schlüsse, was heute passieren wird und wie wir darauf reagieren sollten. Also haben die meisten Ökonomen die Depression studiert und gesagt: Dieses Mal sorgen wir für einen großen wirtschaftspolitischen Stimulus - dann werden wir diese Krise schnell überwinden können. Aber so einfach ist es nicht. Amerika ist einer sehr schwierigen Lage.

mm: In den USA gibt es derzeit viele, die einen "jump start" erhoffen: irgendeine wirtschaftspolitische Initialzündung, wodurch die Wirtschaft die Stagnation überwindet.

Florida: Für mich sind die Panik und die folgende lange Depression in den 1870er Jahren der relevantere historische Vergleich zur derzeitigen Konstellation. Nachdem ich mich näher mit dieser Phase befasst hatte, bin ich zu drei Schlussfolgerungen gekommen: Erstens sind die Folgen solcher Ereignisse sehr langwierig. Sie zu überwinden dauert nicht wenige Jahren, sondern mindestens eine Generation. Zweitens sind solche Zeiten auch enorm innovative Phasen. Natürlich sind sie verbunden mit großen sozialen Härten für viele Menschen, für ganze Städte und ganze Nationen. Aber sie eröffnen eben auch große Chancen…

mm: …wenn Sie von Innovationen sprechen, meinen Sie dann etwa auch Finanzinnovationen?

Florida: Ganz generell: Man kann auf Dauer keinen Wohlstand schaffen durch Spekulation - indem man Geld durch die Gegend schiebt. Man kann nur Wohlstand schaffen durch Investitionen in die reale Wirtschaft. Das ist in den vergangenen Jahren in Vergessenheit geraten, deshalb belastet uns jetzt auch die Schuldenlast so stark - den Verbindlichkeiten steht einfach zu wenig realer Wert gegenüber.

mm: Und Ihre dritte Schlussfolgerung?

Florida: Ein solcher Reset - dieser Neustart - verändert die Art, wie wir leben und arbeiten fundamental. Unsere Wirtschaftsgeografie verändert sich, die Städte verändern ihre Strukturen, Unternehmen verändern ihre Strukturen. Die Konsummuster verändern sich. Das alles wirkt sehr stimulierend auf die Wirtschaft.

mm: Aber all das passiert nicht über Nacht, sondern als Folge eines langen Anpassungsprozesses?

Florida: So ist es. Amerika ist als Wirtschaftsgesellschaft immer noch um die alten industriellen Strukturen des vergangenen Jahrhunderts herumgebaut. Deshalb wird die Transformation lange dauern.

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