Donnerstag, 17. Januar 2019

Geldpolitik Notenbanker suchen neuen Kurs

Ökonomentreffen in Instanbul: Wege aus der Krise

Die Geldbehörden der Schwellenländer ziehen Lehren aus der Finanzkrise. Auf dem Global Economic Symposium in Istanbul wurde klar: Wie bisher wollen sie nicht weitermachen. Die Weltwirtschaft steht womöglich vor einer monetären Revolution.

Istanbul - Durmus Yilmaz ist ein Mann klarer Worte - bemerkenswert für einen Notenbanker. Die Krise, erklärt der Gouverneur der türkischen Zentralbank, habe gezeigt, dass die bisher im internationalen Notenbanking vorherrschende Strategie der "Inflationssteuerung" gescheitert sei. Die Zentralbanken der Welt seien gut beraten, sich ein "neues Modell" zuzulegen: Künftig sollten die Geldbehörden nicht nur die Inflation stabil und niedrig halten, sondern mit gleicher Priorität die Stabilität des Finanzsektors gewährleisten.

Wie Yilmaz denken derzeit viele Notenbanker in Schwellenländern. Für sie hat das westliche Modell der Inflationssteuerung ausgedient. In diversen Diskussionsbeiträgen wurde das beim Global Economic Symposium (GES), das in dieser Woche in Istanbul stattfand, deutlich; manager magazin unterstützt das GES als Medienpartner.

So lässt Khalid Al-Swailem von der Saudi Arabian Monetary Authority (SAMA), der mit Abstand wichtigsten arabischen Notenbank, noch einmal die Zuspitzung der Finanzkrise in Großbritannien Revue passieren. Und kommt zu dem Ergebnis, dass das System der Inflationssteuerung, das die Briten in seiner wohl reinsten Form installiert hatten, die Krise noch verschlimmert habe. Die Bank of England war nur darauf ausgerichtet, die Inflation niedrig zu halten. Die Financial Services Agency (FSA) hingegen schaute ausschließlich auf die Zahlenwerke einzelner Institute. Dass der Finanzsektor insgesamt in Schieflage geraten war, blieb ihnen verborgen. So kam es zum ersten Bank Run seit dem 19. Jahrhundert: auf den Immobilienfinanzierer Northern Rock.

Schuld an der Zuspitzung der Krise sei offenkundig die "Informationslücke zwischen der FSA und der Bank of England" gewesen, so der saudische Topnotenbanker Al-Swailem. Er zieht daraus die Lehre: "In Emerging-Market-Ländern sollte es jeweils einen einzelnen Regulierer geben." In Saudi-Arabien eben die SAMA. Notenbanken sollten als "makroprudenzielle Finanzaufsicht" auch die Bildung von Kapitalmarkt-Bubbles zu verhindern suchen und die Banken in Boomzeiten zu einer reichlicheren Kapitalausstattung zwingen.

Sorge um die Unabhängigkeit

So sahen es die meisten seiner Kollegen beim "Central Bankers Roundtable" des GES. Viele westliche Notenbanken hingegen zögern, neue Aufgaben zu übernehmen. Nach wie vor ist in den USA, Großbritannien und der Euro-Zone umstritten, ob man nicht - wie bei reiner Inflationssteuerung typisch - das Entstehen von Kapitalmarkblasen hinnehmen sollte und allenfalls später, wenn eine Blase geplatzt ist - wie 2000 die Tech-Bubble und 2007 die Kreditblase - helfen sollten, die Folgen zu beseitigen: mit einer stark expansiven Geldversorgung. Vorbehalte gegen eine Ausweitung ihres Mandats haben westliche Zentralbanker auch, weil sie um ihre Unabhängigkeit fürchten.

Die Aussagen der Geldmanager aus den Schwellenländern haben durchaus globales Gewicht, denn sie repräsentieren einen rasch wachsenden Teil der Weltwirtschaft. Die Türkei, Saudi-Arabien, vor allem aber China und Indien gewinnen massiv an ökonomischem Einfluss. Eine Entwicklung, die sich bislang kaum in der Strategie ihrer Notenbanken widerspiegelt. Viele orientieren sich nach wie vor am Dollar oder am Euro - und das heißt: an den großen Notenbanken des Westens, der amerikanischen Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB), und deren seit langem extrem niedrigen Leitzinsen.

Künftig dürfte manche Zentralbank in den Schwellenländern einen eigenständigeren Kurs verfolgen. Und da viele sich offenbar auch verstärkt um die Stabilität des Finanzsektors kümmern wollen, dürfte die Geldpolitik weniger freigiebig ausfallen als bisher. Denn eine Zentralbank, die große Booms und folgende Crashes inklusive Banken- und Finanzkrisen verhindern will, muss in guten Zeiten das Wachstum von Geld und Kredit eindämmen. Sofern die Emerging Centralbankers dieser neuen Linie folgen, bedeutet das: Geld wird knapper und teurer - die reale Wirtschaft wird gebremst.

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