Montag, 22. Oktober 2018

Italien und die Zukunft der Eurozone Die Sollbruchstelle des Euro

Italien und die Folgen: Wohin driftet Europa, wenn Regierungen ins Amt kommen, die sich erklärtermaßen nicht an europäische Regeln halten wollen? Wir müssen uns auf eine existenzielle Krise der EU vorbereiten.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Krisen verlaufen selten in gleichmäßigem Tempo. Ein typisches Muster sieht so aus: Lange Zeit passiert kaum etwas, trotz allerlei Vorboten. Dann plötzlich beschleunigt sich der Gang der Ereignisse: Paukenschlag folgt auf Paukenschlag. Binnen Kurzem befinden wir uns in einer neuen Welt. Wer sich zuvor hat einlullen lassen, wird nun eines Schlechteren belehrt.

Möglich, dass wir derzeit wieder mal an einem solchen Wendepunkt stehen. Dass eine Krise bevorsteht, die bisherige Gewissheiten zerstört.

Wir - und das heißt in diesem Fall: Deutschland - sollten uns darauf gefasst machen. Wir brauchen einen Plan für den Worst Case.

Denn wie die Dinge liegen, ist es durchaus möglich, dass die Eurozone in nicht allzu ferner Zukunft auseinanderbricht. Ein Satz, der an die Situation in den Jahren 2010 bis 2012 erinnert. Damals brachte der SPIEGEL eine Euro-Endzeit-Titelgeschichte nach der anderen. Die Währungsunion gibt es immer noch. Gewöhnung ist eingetreten. Und Gelassenheit.

Doch nun geht es nicht um Griechenland, Irland oder Portugal. Es geht um Italien, den drittgrößten Mitgliedstaat mit einer aufgelaufenen Staatsschuld von 2,3 Billionen Euro, der nun eine Regierung bekommt, die Europa in seiner bisherigen Form nicht will. Das ist neu.

Schockwellen reichen bis nach Spanien

Die Schockwellen haben zum Ende der abgelaufenen Woche bereits Spanien erreicht, wo ebenfalls die Börsen absackten und die Zinsen stiegen. Auslöser waren Zweifel an der Stabilität der konservativen Minderheitsregierung.

Dies ist die Kernfrage: Wohin driftet Europa, wenn nun Regierungen ins Amt kommen, die sich erklärtermaßen nicht an europäische Regeln halten wollen? Ungarn und Polen missachten demokratische Grundsätze. Die kommende italienische Regierung scheint gewillt, den engen finanziellen Rahmen zu ignorieren.

Was, wenn der aufgestaute Frust sich auch in Spanien Bahn bricht, einem Land, das wirtschaftlich deutlich besser dasteht als Italien, wo aber immer noch viele Bürger unter den Folgen der langen Krise leiden?

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