Donnerstag, 13. Dezember 2018

Warum Trump trotz seiner Aussetzer Wähler fasziniert Hirn ist nicht Verstand

Donald Trump: Trotz inhaltlicher Aussetzer ist der Kandidat beliebt. Das liegt vor allem an seiner Körpersprache

In der Nacht zum Montag treffen die US-Präsidentschaftskandidaten Trump und Clinton zum zweiten TV-Duell aufeinander. Und wieder wird man die Demokratin vor allem an ihren inhaltlichen Aussagen messen und den Republikaner - nicht. Warum nur kommt ein eitler Selbstdarsteller wie Trump bei Millionen Menschen so gut an? It's the Körpersprache, stupid!

Stefan Verra
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    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump hat Millionen Anhänger. Sein Poltern und Provozieren fasziniert das Publikum. Aber Inhalte? Fehlanzeige. Seine Ausfälle und Aussetzer? Berüchtigt. Wie kommt es, dass ein Mann nachweislich Unfug redet und ihm dennoch viele Wähler treu bleiben? Wir erklären das aus unserer Perspektive schnell mit der angeblichen Tumbheit der Amerikaner, die nur eines wollen: Show, Show, Show. Wir Europäer hingegen entscheiden eben rational und achten auf Inhalte. Jaja.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass besonders Deutsche der Meinung sind, sie agierten bei Entscheidungen besonders reflektiert. Mitnichten! Liebe Deutschinnen und Deutsche, auch Sie agieren wie jeder Mensch auf diesem Planeten. Erinnern Sie sich an Ihre Begeisterung 2008, als Sie Obama das erste Mal wahrnahmen? Wegen der Inhalte? Natürlich nicht, das Einzige, was Sie noch wissen, ist "Yes, we can!" Und seither tragen Sie Obama tief in ihrem Herzen. Kommen Sie mir jetzt nicht mit der Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo und dem Weltfrieden. Beide Ziele hat er weit verfehlt. Sind Sie ihm deswegen böse? Nein! Denn Sie haben ja vorab entschieden, dass der Obama ein Schnucki ist. Und dem verzeihen Sie auch, wenn er die rationalen Argumente dafür gar nicht erfüllt.

Hirn ist nicht Verstand

Für die wichtige Grundsatzentscheidung, ob ich einen Menschen emotionale an mich heranlasse oder lieber von mir fernhalte, spielt die Körpersprache eine entscheidende Rolle. Das war 190.000 Jahre (so lange gibt es den Homo sapiens mindestens) ein Erfolgsprogramm, das ändert Mutter Natur nicht mal schnell wegen einer US-Wahl. In erster Linie geht es nämlich vor allem um eines: die Aufmerksamkeit des Stamm- und Mittelhirns zu bekommen. Und "Hirn" bedeutet in diesem Zusammenhang eben gerade nicht "Verstand".

Um die Aufmerksamkeit der Wähler bekommen, hat Trump wie jeder andere Kandidat genau fünf Möglichkeiten: die fünf Sinnesorgane der Menschen. Über diese fünf Datenkanäle nehmen diese nämlich Informationen auf. (Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem sechsten Sinn, der ist und bleibt wissenschaftlich höchst zweifelhaft, auch wenn ihr bevorzugter Neurodingscoach das Gegenteil behauptet.)

Nun ist es so, dass unsere Sinnesorgane die Umweltinformationen nicht gleichberechtigt aufnehmen. Die Augen nehmen mit Abstand die größte Datenmenge auf, mehr als alle anderen Sinne zusammen. Und Sinnesorgan Nummer zwei ist - nein, nicht die Ohren! Die zweitmeisten Daten bekommen wir über die Haut geliefert, die Ohren folgen erst an dritter Stelle. Der Anteil der auditiven Daten, die Menschen aufnehmen, ist erstaunlich gering, und zwar nicht nur bei Trump-Sympathisanten. Denken Sie nur an Ihr letztes Meeting: Drei Stunden herumsitzen und am Ende bleibt trotzdem die Frage: "Was haben wir die ganze Zeit eigentlich besprochen?"

Unser Gehirn ist erstaunlich unfähig, zu viele Informationen über die Ohren aufzunehmen. Dabei gibt es nur eine Ausnahme: Wenn das Gehörte starke Bilder erzeugt. Deswegen können wir Geschichtenerzählern und Comedians so lange Zeit unsere Aufmerksamkeit schenken. Und eben auch Populisten. Unser Gehirn kommt ohne Bilder nicht aus. Und wenn die Worte keine Bilder erschaffen, dann machen wir sie uns selbst. Schauen Sie nur mal, was Sie während einer Telefonkonferenz so alles kritzeln und tippen.

Und hier kommt Donald Trump ins Spiel.

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