Sonntag, 26. Februar 2017

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Ein neuer Schicksalstag für die deutsche Geschichte? ... schon wieder ein 9. November!

Reichstag in Berlin.

Macht Präsident Donald Trump seine Andeutungen wahr, könnte sein Wahltag auch zu einem neuen Schicksalstag für die deutsche Geschichte werden. Weil wir uns ab sofort selbst verteidigen müssen!

Man braucht kein Zahlenfreak wie "Graf Zahl" aus der "Sesamstraße" zu sein, um über den historischen Tag zu stolpern, an dem Donald Trump zum Präsident gewählt wurde:

Der 9. 11..

Da US-Amerikaner Kalendertage in einer anderen Reihenfolge notieren als wir, schreiben sie den Monat zuerst. Deshalb ging der 11. September 2001 als "9/11" ("Nine Eleven") in die Geschichte ein. Standen diese Ziffern früher bloß für den Notruf 911, wurden sie während der Präsidentschaft von George W. Bush auf einmal zum Symbol für einen Moment nationaler Not. Nun werden die Zahlen 9 und 11 auch in umgekehrter Folge in die Geschichte eingehen. Was sie diesmal bedeuten, wissen wir nicht noch nicht. Aber sie bieten unheimlich viel Stoff für Interpretationen.

Wir Deutschen kennen uns damit aus. Schließlich haben wir schon lange unser eigenes "Nine Eleven" - und davon gleich mehrere! Schon in der Schule lernten wir das mysteriöse Datum des 9. Novembers kennen. Und viele von uns haben es auf ihren eigenen Lebenswegen auch miterlebt - jedenfalls, wenn sie vor 1989 geboren wurden.

Alleine im 20. Jahrhundert entwickelte sich der 9. November mehrere Male zu einem Tag mit großer Symbolkraft und historischer Nachwirkung:

  • 1918: die Ausrufung der Weimarer Republik durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann in Berlin. Es war das endgültige Ende der Monarchie und die Verwirklichung der Träume des republikanischen Revolutionärs Felix Blum, der ausgerechnet am 9. November 1848 hingerichtet worden war. Die Gründung der Republik war also kein zufälliges Ereignis, sondern eine Etappe in einem langen Streben nach mehr Volksbeteiligung. Es war auch ein wichtiger Moment für die spätere Bundesrepublik. Und nicht zu vergessen: In Konkurrenz zu Scheidemann rief der Kommunist Karl Liebknecht am 9. November 1918 eine sozialistische Republik aus. Sie wurde später mit der DDR Wirklichkeit.
  • 1923: Gescheiterter Putschversuch durch Adolf Hitler in München. Zum ersten Mal traten die Nationalsozialisten vor den Augen der Welt in Erscheinung; Hitler wurde inhaftiert, schrieb "Mein Kampf" und bereitete seinen Aufstieg vor. An der Macht angekommen erklärte er den 9. November zum Feiertag. In einem heute noch lesenswerten Essay-Band aus dem Jahr 1994 hob dessen Herausgeber Johannes Willms den 9. November 1923 als Ausdruck eines "systematischen Kults der Unzufriedenheit gegen die Republik" hervor. Dieser Kult führte zum nächsten epochalen Datum:
  • 1938: Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Es enthemmte die Deutschen und war das Vorzeichen für den Holocaust, ein in der Menschheitsgeschichte unvergleichliches und unvergessliches Verbrechen.
  • 1989: Der Fall der Mauer als Resultat eines friedlichen Aufstands. Die Spaltung Europas, die der "Kult der Unzufriedenheit" in Hitlers Deutschland verursacht hatte, wurde überwunden. Deutschland erlangte mit der Vereinigung ein Jahr später offiziell seine "Souveränität" zurück.
Peter Littger
  • Copyright: Timm Kölln
    Timm Kölln
    Kolumnist Peter Littger (Jahrgang 1973) beschäftigte sich schon als Schüler in einem britischen Internat mit den Herausforderungen des englischen Sprachraums - und mit den eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. In seiner "Fluent English"-Kolumne auf Spiegel Online sammelt er seit 2013 besonders kreative und verheerende Beispiele deutsch-englischer Sprachverwirrung.

Viel ist über den 9. November als "deutscher Schicksalstag" gesprochen und geschrieben worden. Ausführlich wurde auch diskutiert, ob er einen besseren nationalen Gedenktag hergegeben hätte als der 3. Oktober. Der im vergangenen Mai verstorbene Historiker Fritz Stern schrieb:

"Dass viermal in diesem Jahrhundert gravierende Ereignisse der deutschen Geschichte auf denselben Tag fielen, ist Zufall (...). … Die Koinzidenz dieser Daten versinnbildlicht [allerdings] eine Last, die auf der deutschen Nation liegt: Ihre komplizierte und kompromittierte Vergangenheit ist von ungeheuerlicher Gegenwärtigkeit in der Welt von heute (...)] Viele Menschen im vereinten Deutschland möchten heute die Vergangenheit am liebsten ,normalisieren' und beseitigen (...), der Wille zum Vergessen ist stark."

Was auch immer dieses "Normalisieren" in unseren Köpfen bedeuten mag - es ist gar nicht möglich, solange die Voraussetzungen nicht wirklich "normal" sind. Und was an der seit 1945 recht glücklich verlaufenen west- und später gesamtdeutschen Geschichte nicht wirklich "normal" war und ist, das hat der Brite Hans Kundnani in seinem Buch "The Paradox of German Power" dargestellt - ein Buch, das ich übrigens zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen machen würde.

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