Donnerstag, 26. April 2018

Ungleichheit und Chancengleichheit Was die Eliten 2018 zwingend angehen müssen

2017 war ein Jahr des Populismus: So darf es 2018 nicht wieder - dafür müssen die Eliten in Politik und Wirtschaft einiges tun

Wenn viele die Fahnen schwenken und brüllen, ist die Zeit des vornehmen Schweigens vorbei. In 2018 müssen die Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft der wachsenden Ungleichheit den Kampf ansagen.

Von 2017 werden uns vor allem Protektionismus, EU-Bashing und der Aufmarsch der Ultrarechten in Erinnerung bleiben. In Frankreich und den Niederlanden wurde ein Sieg der nationalistischen Kräfte knapp vermieden, im Bundestag jedoch sitzen 93 AfD-Politiker, in USA regiert "America First". Es war ein Jahr des Populismus, heißt es überall; aus meiner Sicht war es jedoch zuvorderst ein Jahr der Kopfschmerzen und der Löcher im Mantel.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Nationalismus ist wie Kopfweh. Wer es hat, kann kaum noch etwas Anderes denken. Alles wird im Lichte dieses Schmerzes beurteilt. Die nationalistische Migräne, an der Teile Deutschlands und der EU leiden, basiert in weiten Teilen auf dem Gefühl, dass "die ganzen Immigranten" uns "einfach überrennen", dass "die" viel mehr vom Kuchen bekommen als "wir". Das versöhnliche "das schaffen wir" von Politikern wie Angela Merkel kann da nicht beeindrucken - genauso wenig wie der Hinweis die Brexit-Befürworter in England umstimmen konnte, dass 200.000 gebildete, zumeist christliche Emigranten aus der EU im Jahr wohl kein Drama sind. Die Befürworter der muslim-feindlichen US-Politik wollen ja auch nicht hören, dass in Amerika bei weitem mehr Menschen durch die Waffen weißer Mitbürger umkommen als durch islamistischen Terror.

Im Übrigen hat jedes Volk ein Recht auf nationale Identität, auch die Deutschen, Holländer, Franzosen oder Amerikaner. Schwierig wird das Ganze nur, weil Nationalismus einen Gegner braucht, einen Widerstand, gegen den der Wille zur Landesverteidigung sich richten kann. Deutschland ist jedoch keinesfalls bedroht (genauso wenig wie Frankreich, Holland oder die USA), also muss ein Gegner konstruiert werden. In USA soll eine Mauer gegen die Mexikaner her, in Europa bieten sich die EU an und ihr Symbol, der Euro. Soweit das irrationale Kopfweh bestimmter Gruppen.

Leider jedoch gibt es durchaus auch rationale Gründe, einen stärkeren Nationalstaat zu fordern. Die Bürger sehen ihr Heimatland als sicheren Hafen, der ihnen Recht und Ordnung liefert, für Verteidigung nach außen und innen sorgt sowie für Chancengleichheit im Hinblick auf Bildung und medizinische Versorgung.

Nationalstaat als warmer Mantel, der vor den Böen der Globalisierung schützt

Kurz, der Nationalstaat bezieht seine Legitimation aus seiner Funktion als wärmender Mantel, der seine Träger vor den übelsten Böen der Globalisierung schützt. Auch wenn der Staat nicht jedes persönliche Problem abfedern kann, erwarten die Menschen doch Schutz vom Empfänger ihrer Steuerzahlungen, wenn es regnet und stürmt. Der wärmende Mantel vieler Staaten ist jedoch löchrig geworden. Die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt zu, die Reichen werden immer reicher und für Gehaltsempfänger am unteren Ende des Spektrums wird es immer schwieriger, sich nach oben zu kämpfen. Die soziale Durchlässigkeit unserer Gesellschaft nimmt ab; es wird zu wenig getan, um bildungsfernen Schichten eine Teilhabe an der Wirtschaftswelt in Aussicht zu stellen. Das sind keine sozialistischen Thesen, sondern Fakten.

Über Jahrzehnte galt: Selbst wer an Kopfweh litt, fühlte an Torso und Armen doch genug wärmende Wolle, um Ruhe zu halten. Jahrzehntelang ging es aufwärts mit den Chancen, den Einkommen und der sozialen Sicherheit. Unser Mantel ist jedoch fadenscheinig und fransig geworden, es fehlen Knöpfe. Nach und nach haben Arbeitgeber und Staat den Loyalitätspakt mit Mitarbeitern und Bürgern gebrochen. Das Versprechen, dass die EU zum neuen schützenden Umhang für uns alle werden wird, der die Löcher im Mantel des nationalen Wohlfahrtstaates stopft, ist für viele nicht nachvollziehbar. Sie sehen nur das Geld, das Richtung Brüssel verschwindet, aber nicht das Kapital, das aus Brüssel kommt. Da liegt die These nicht fern, dass alles wieder besser würde, wenn man es nur wieder national regelte.

Wenn 2018 besser werden soll als 2017, müssen wir zunächst akzeptieren, dass wir es nicht mit vagem "Populismus" einiger machtgieriger Irrer zu tun haben, sondern mit zwei, tief in der Bevölkerung verwurzelten Problemen: Kopfweh und einem löchrigen Mantel. Das Kopfweh wird so schnell nicht wieder weggehen, aber den Mantel, den können wir uns vornehmen. Die Europäische Union, gar der Euro mit all seinen Schwächen, hat uns allen die schönste Phase von Wohlstand und Sicherheit seit Menschengedenken geschenkt. Europa muss wieder DAS Projekt für Gleichheit, Freiheit, Schutz und vor allem Gerechtigkeit werden. Brüssel, und alles wofür es steht, kann und muss repariert werden. Vor allem muss die rasant zunehmende soziale und ökonomische Ungleichheit korrigiert werden. Das ist das beste Aspirin gehen Kopfweh.

Newsletter von Heiner Thorborg

Diese politische Aufgabe ist eine, die ohne die Unternehmen und ihre Topführungskräfte nicht zu lösen ist. Für alle Eliten im Land gilt, die Identifikation mit der EU deutlich zu machen und nicht einfach nur im Büro zu verschwinden. Wenn die anderen Fahnen schwenken und brüllen, ist die Zeit des vornehmen Schweigens vorbei. Der Ungleichheit gilt es den Kampf anzusagen, denn Chancengleichheit in Schule, Staat, Gesellschaft und Job ist das Fundament des europäischen Projekts.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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