Donnerstag, 24. August 2017

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10 Jahre nach Beginn der Finanzkrise Vor dem nächsten Großbrand

Zentrale der EZB in Frankfurt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Krise wieder ausbricht - trotz Super-Mario und trotz Janet Yellens Behauptung, es werde "keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten" geben

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise klopfen sich Notenbanker und Politiker auf die Schultern: Das Schlimmste läge hinter uns und die Erholung sei geschafft. Ein Irrtum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Krise wieder mit voller Wucht ausbricht.

Ihren Platz in den Geschichtsbüchern hat die Präsidentin der US-Notenbank, Janet Yellen, so gut wie sicher. Schon bald wird man ihre Aussage, es gäbe "keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten" als ein weiteres Beispiel für die Hybris der wirtschaftspolitisch Verantwortlichen zitieren, egal ob diese in Regierungen oder Notenbanken sitzen. Auch "Super-Mario" dürfte es ähnlich ergehen, hat er zwar unstrittig mit seinem radikalen Eingreifen den Euro zunächst gerettet, die Grundprobleme jedoch massiv vergrößert.

Daniel Stelter

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise loben sich die damals wie heute Verantwortlichen für die gelungene Bewältigung der Krise und die Erholung von Wirtschaft und Finanzmärkten. Dabei zeigt eine nüchterne Betrachtung, dass sie das zu Unrecht tun.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Stattdessen wurde auf Zeit gespielt, ohne die Krisenursachen zu bereinigen. Schlimmer noch: Mit ihrem Tun legen sie die Basis für eine noch größere Krise.

Krise nicht erkannt

Zunächst lohnt es sich, daran zu erinnern, dass Notenbanker und Politiker die letzte Krise nicht kommen sahen. Allein dies spricht schon für eine erhebliche Skepsis, wenn heute Aussagen getroffen werden, wonach die Krise "überwunden sei", es keine neue Krise mehr zu "unseren Lebzeiten" geben kann oder - wie der britische Notenbankchef Mark Carney kürzlich festhielt - wir heute ein "sicheres, einfacheres und faireres Weltfinanzsystem" hätten.

Das erinnert fatal an US-Notenbank Chef Ben Bernanke, der - obwohl er über die große Depression geforscht hat - die Wiederholung derselben nicht kommen sah. Noch 2007 hielt er die Subprime-Krise für ein kleines Problem, welches die US-Wirtschaft nicht nachhaltig beeinflussen würde. Yellen, Draghi, Carney und Co. sollten von den Fehlern ihrer Vorgänger lernen. Niemand kann mit Bestimmtheit vorhersagen, dass es wirklich zu keiner Krise kommt, was vor allem daran liegt, dass sie die eigentliche Krisenursache nicht erkennen (wollen).

Krise nicht verstanden

Bis heute gibt es kein gemeinsames Verständnis für die Ursachen der Krise. Da wird über die "Finanzkrise" gesprochen, ausgelöst von zweifelhaften Krediten im US-Immobilienmarkt, die über allerlei Umwege in den Portfolios der Investoren in aller Welt - vor allem in Deutschland - landeten. Da wird von der "Eurokrise" gesprochen, deren Ursache man gerne in der überbordenden Staatsverschuldung einzelner Sünderländer verortet, die nun mal über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Die Wahrheit ist eine andere: Beides sind Überschuldungskrisen gewesen und sind das immer noch. Seit Mitte der 1980er-Jahre haben wir es weltweit, vor allem in den USA, Europa und Japan mit einer explodierenden Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen zu tun. In den zwanzig Jahren bis zum Krisenausbruch 2007 haben sich die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Real haben Unternehmen mehr als dreimal so viele Schulden wie zuvor, Staaten mehr als viermal und private Haushalte mehr als sechsmal so viel.

Schuld an dieser Entwicklung waren Politiker und Notenbanker. Im gemeinsamen Bestreben die Wirtschaft zu beleben, haben sie immer mehr auf Schulden gesetzt. Die Notenbanken haben auf jeden kleinen Schock mit Zinssenkungen reagiert, ohne sie anschließen wieder ausreichend zu erhöhen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kritisiert schon lange dieses asymmetrische Verhalten. Belohnt wurde, wer Schulden machte.

2008 war es dann so weit. Die Welt schien am Ende der Verschuldungskapazität angelangt. Der "Minsky-Moment" war erreicht, der Zeitpunkt, zu dem schuldenfinanzierte Blasen platzen - benannt nach dem verstorbenen US-Ökonomen Hyman Minsky, den zu Lebzeiten keiner der Akteure ernst nahm und dessen Gedanken auch heute viel zu wenig Beachtung finden. Statt anzuerkennen, dass die schuldenfinanzierte Wohlstandsillusion an ihre Grenzen stößt, wurde alles getan, um die Verschuldungskapazität zu erhöhen und eine weitere Runde mit noch mehr Schulden anzustoßen.

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