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23.02.2012
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Soziale Schieflage

Verblüffender Turboaufstieg spaltet Brasilien

Aus Rio de Janeiro berichtet Thomas Milz

Scheck auf die Zukunft: Brasilien wächst rasant, der neue Reichtum aber bleibt ungleich verteilt
DPA

Scheck auf die Zukunft: Brasilien wächst rasant, der neue Reichtum aber bleibt ungleich verteilt

Es scheint das Land des neuen Wirtschaftswunders zu sein: Brasilien stürmt in die Spitzengruppe der weltweit stärksten Wirtschaftsmächte. Doch im Land selbst kommt der Reichtum kaum an. Brasiliens Gesellschaft spaltet sich immer dramatischer in Arm und Reich. Jetzt tritt Ernüchterung ein.

Rio de Janeiro - Das ist es wohl, was man einen Einschnitt nennt: Ende Dezember wurde gemeldet, Brasilien hätte das Vereinigte Königreich als sechstgrößte Wirtschaftsmacht abgelöst. Und 2015 könne man sogar an Frankreich vorbei auf den fünften Platz ziehen. "Das ist sehr gut fürs Image, aber der praktische Effekt ist gering," kommentiert Andre Sacconato vom Businessportal "Brasil Investments & Negocios" (BRAiN) die Entwicklung nüchtern. Denn von europäischen Standards ist Brasilien noch weit entfernt. Und während die ausländische Presse von dem vermeintlichen Wunderland Brasilien schwärmt, rechnen Brasiliens Medien entsprechend kühl nach.

Sicher, zu Grossbritannien, dass 1820 noch eine zwölf Mal und 1870 sogar 14 Mal höhere Wirtschaftsleistung als Brasilien hatte, hat man nun formal aufgeschlossen. Oder es sogar überholt, je nachdem, welche Devisenumrechnungskurse dieser Kalkulation zugrunde liegen. Und, ja, das ist ein Umschwung der globalen Kräfteverhältnisse, die noch vor Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre. Auch dieHochstufung der Kreditwürdigkeit Brasiliens durch Ratingagenturen spricht dafür. Eine besondere Genugtuung ist die Aufholmeldung für die Brasilianer obendrein: Ausgerechnet Großbritannien abgehängt, Brasiliens ehemalige Schutzmacht!

Das Empire hatte 1808 die Flucht des portugiesischen Königs nach Rio de Janeiro ermöglicht, und später gewährte London dem Kaiser in Rio stets Kredite. Das ist nun anders. Schulden hat Brasilien, zumindest im Ausland, kaum noch. Dennoch: Unter dem Strich trabt Brasilien auch Großbritannien bemitleidenswert hinterher.

Zum einen ist Brasiliens Wachstum nur durch die ungewöhnliche Kombination von hoher Inflation bei gleichzeitiger starker Aufwertung der brasilianischen Real-Währung gepuscht worden, haben Brasiliens Wirtschaftsjournalisten nachgewiesen. 68 Prozent des Wachstums der vergangenen zehn Jahre gehe darauf zurück; für Grossbritannien liegt dieser Wert lediglich bei 33 Prozent. Real gerechnet wuchs Grossbritanniens Wirtschaftsleistung damit seit 2001 sogar stärker als Brasiliens, so die Zeitung "Folha de S. Paulo".

Wer liegt jetzt wirklich vorn? Brasilien? Großbritannien? Je mehr Vergleichszahlen man heranzieht, desto differenzierter wird jedenfalls das Bild von dem vermeintlichen Überflieger Brasilien.

Zieht man etwa die Wirtschaftsleistung pro Kopf zu Rate, produziert jeder der gut 200 Millionen Brasilianer bloß ein Drittel der Wirtschaftsleistung eines Briten. "Unser Bruttoinlandsprodukt entspricht bereits dem eines Erste-Welt-Landes, unser Lebensstandard aber noch nicht," bilanziert dann auch Brasiliens Finanzminister Guido Mantega. Erst in zehn bis 20 Jahren würden Brasiliens Bürger den Lebensstandard erreichen, den Europas Bürger schon heute genießen. Und das dann auch nur, wenn Brasiliens jährliche Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2020 stetig um 4,5 bis 5 Prozent pro Jahr zulegen kann - und Europa zeitgleich seinen aktuellen Miniwachstumskurs bis dahin fortsetzt. Das allerdings ist alles andere als ausgemacht.

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