Hamburg - Mitten im Schuldenkrisen-Sturm, der derzeit über die Eurozone hinwegfegt, kehrt heute kurz Ruhe ein im silbrigglänzenden EZB-Hauptquartier an der Frankfurter Kaiserstraße. Für ein paar Stunden tauschen die obersten Hüter des Euro die muffige 70er-Jahre-Atmosphäre ihres Hochhauses gegen einen der prunkvollsten Orte, den die Stadt am Main zu bieten hat. Im mahagonigetäfelten Großen Saal der Alten Oper wird um 16 Uhr jener Mann verabschiedet, der der Gemeinschaftswährung in den letzten Jahren ein Gesicht gab: Jean-Claude Trichet, dessen Amtszeit als EZB-Chef am 30. Oktober endet.
Für sein Lebenswerk wird der 68-jährige Franzose in einem großen Festakt geehrt. Eine Menge illustrer Gäste werden staatstragende Worte spenden: Angela Merkel zählt ebenso zu den Festrednern wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, Frankreichs Ex-Präsident Valery Giscard d'Estaing, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. Auch Italiens Notenbank-Gouverneur Mario Draghi, der ab 1. November das höchste Amt der Eurozone übernimmt, steht auf der Rednerliste.
Sie alle werden Trichet für seinen unbestreitbaren Verdienste um die Gemeinschaftswährung danken. Denn die
EZB hat es unter Trichet bislang geschafft, den Euro
durch schwere Zeiten zu manövrieren. Dass die Eurozone an der Finanz- und der Staatsschuldenkrise nicht zerbrochen ist, ist auch dem unermüdlichen Einsatz von Trichet zu verdanken. Nicht umsonst hat er den Spitznamen "Monsieur Euro" erhalten.
Dennoch hat Trichets europäisches Vermächtnis vor einigen Monaten hässliche Schatten bekommen. Gerade in Deutschland, das Trichet so schätzt, muss er sich seit Monaten mit ungewohnt heftiger Kritik herumschlagen. Schuld daran ist ein Tabubruch, der aus der Not geboren wurde. Doch er hat die Rolle und die Reputation der EZB nachhaltig verändert.
Acht Jahre lang lenkte Trichet die Geldpolitik der Eurozone. Acht Jahre lang betonte er bei jeder Gelegenheit, dass der Erhalt der Preisstabilität die Hauptaufgabe der EZB sei. Diese Aufgabe hat die Zentralbank unter Trichet bravourös gemeistert: Die Inflation der Eurostaaten hielt Trichet eisern bei knapp zwei Prozent.
Tabubruch mit Anleihenkauf
Lange pochte er auf die Unabhängigkeit seiner Institution und verwahrte sich gegen politische Einflussnahme. Als Ende 2007 die Finanzkrise aus den USA auf Europa überschwappte, handelte Trichet rasch und entschlossen. Geschäftsbanken erhielten frisches Geld der EZB zum Fixpreis, statt wie bisher dafür bieten zu müssen. Gegen Einlage von Sicherheiten konnten sich die Geldhäuser länger als je zuvor von der EZB Geld leihen. Europas Wirtschaft kam dank dieser Geldpolitik rasch wieder auf die Beine - und für dieses Krisenmanagement erhielt Trichet viel Lob.
Doch mit einer Entscheidung vor einem Jahr hob er einen der Grundsätze der EZB aus den Angeln, die in den Augen seiner Kritiker die politische Unabhängigkeit der Zentralbank nachhaltig erschüttert hat. Als die Griechenland-Krise im Mai 2010 auch auf Portugal und Irland übergriff, brach die EZB mit einem Tabu. Am 10. Mai kündigte die Zentralbank an, griechische Staatsanleihen zu kaufen, um die Funktionsfähigkeit der Anleihenmärkte wiederherzustellen und ein Auseinanderbrechen der Eurozone zu verhindern. Doch indirekt finanzierte die EZB damit die Schulden, die Griechenland aufgenommen hat - etwas, was der Euro-Vertrag eigentlich verbietet.
Damit war die EZB zu etwas geworden, was sie nie sein sollte: Aus der Behörde, die vor allem die Inflation in Schach halten sollte, wurde eine politische Institution. Trichet stellte damals klar, dass der Ankauf der Anleihen nur vorübergehend erfolgen sollte. Und er spielte den Ball an die EU zurück: Europas Politiker müssen ein übergreifendes Konzept zur Lösung der Euro-Krise entwickeln, betonte er damals mehrmals, damit sich die EZB bald aus ihrer ungeliebten Rolle zurückziehen könne.
Doch Europas Politiker haben ihren Teil des Pakts mit der EZB bisher nicht erfüllt. Noch immer ist der erweiterte Euro-Rettungsschirm, der künftig solche Anleihenkäufe übernehmen soll, noch nicht beschlossene Sache. Zwar dürfte der erweiterte Rettungsfonds EFSF Berichten zufolge künftig als Versicherer von Staatsanleihen agieren und so die EZB aus der Pflicht nehmen. Doch wirklich klar wird die Konstruktion erst am kommenden Wochenende, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der EU zu einem Euro-Gipfel in Brüssel treffen.
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