Tripolis - Auch nach dem Sturm seines Hauptquartiers zeigt sich Muammar al-Gaddafi kämpferisch. In einer Audiobotschaft rief der 69-Jährige am Mittwochmorgen die Bevölkerung zum Widerstand auf. Zudem bekräftigte Gaddafi, sich noch immer in der libyschen Hauptstadt Tripolis aufzuhalten.
"Ich gehe unerkannt spazieren, ohne dass die Menschen mich sehen", sagte Gaddafi in der am Mittwoch von dem in Syrien ansässigen Sender Arrai ausgestrahlten Botschaft. Bei seinem Rundgang habe er junge Menschen gesehen, die bereit seien, die Stadt zu verteidigen. Gaddafi appellierte an "die Einwohner von Tripolis, die Stämme, die Jungen, die Alten", auf die Straße zu gehen und "Tripolis von den Ratten zu säubern".
Zuvor hatte der Diktator in einer esten Audiobotschaft angekündigt, bis zum "Märtyrertod oder Sieg" kämpfen zu wollen. Ein Rebellensprecher sagte, die Frage sei nicht mehr, wo sich Gaddafi aufhalte, sondern nur noch, wann er festgenommen werde. Auch einen Tag nach der Erstürmung des militärischen Hauptquartiers war unklar, ob sich Gaddafi in der Hauptstadt Tripolis versteckt hat oder ob er in den Süden des Landes geflüchtet ist.
Eine lokale Radiostation habe einen Aufruf von einem Mann verbreitet, bei dem es sich um Gaddafi handle, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira. Darin habe er die Libyer aufgefordert, die Hauptstadt Tripolis von den Aufständischen "zu säubern". Gaddafi habe den Aufständischen Folter vorgeworfen. Sie würden Gegner "exekutieren".
Die britische BBC meldete unter Berufung auf den Gaddafi-treuen Sender al-Urubah, dass Gaddafi seinen Rückzug aus dem Militärkomplex Bab al-Asisija im Süden von Tripolis als "taktisches Manöver" bezeichnet habe. Die Anlage sei bereits durch 64 Nato-Luftangriffe in den vergangenen Monaten zerstört worden, habe er gesagt.
Libyer feiern Beginn einer neuen Ära - trotz unsicherer Lage
Der Militärsprecher der Rebellen, Ahmed Omar Bani, sagte, im Komplex Bab el Asisija fehle jede Spur von Gaddafi und seiner Familie. Die Residenz sei vollständig unter der Kontrolle der Rebellen, sagte Bani. "Oberst Gaddafi und seine Söhne waren nicht dort, da ist niemand." Keiner wisse, wo die Familie sei.
Der Vorsitzende des Übergangsrates der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil, sagte im Fernsehsender France 24, bei den Kämpfen in Tripolis seien seit Sonntag mehr als 400 Menschen getötet und rund 2000 verletzt worden. Dschalil kündigte an, dass die Kämpfe fortgesetzt würden, bis Gaddafi gefasst sei. Dschalil zufolge kontrollierten Gaddafis Kämpfer noch immer drei Stadtteile von Tripolis.
Dennoch feierten die Menschen in der Hauptstadt bis in die frühen Morgenstunden am Mittwoch mit Gejohle und Freudenschüssen bereits den Beginn einer neuen Ära. In der gestürmten Residenz rissen Kämpfer den Kopf einer Gaddafi-Statue ab und traten auf ihn ein, außerdem plünderten sie die Waffenlager auf dem Gelände. Auch in den Straßen der Rebellen-Hochburg Bengasi wurde gefeiert.
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