Freitag, 15. Dezember 2017

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Deutschlands Zukunft Wir können froh sein, wenn es uns so ergeht wie den Japanern

Senioren beim Sport: Das "japanische Szenario" galt lange als Schreckgespinst - doch für Deutschland dürfte es viel schlimmer kommen

Das "japanische Szenario" von wirtschaftlicher Stagnation, Deflation und explodierenden Staatsschulden gilt vielen als das Albtraumszenario einer alternden Gesellschaft. Dabei könnten wir in Deutschland froh sein, wenn es uns so gut erginge. Leider dürfte es viel schlimmer kommen.

Am Ostermontag brachte die Financial Times auf der ersten Seite mal eine andere Geschichte aus Japan. Es ging um die dramatisch steigende Anzahl von Gefängnisinsassen, die älter als 60 Jahre sind. Das könnte man zunächst für einen normalen statistischen Effekt halten, wächst doch auch der Anteil der Bevölkerung über 60 Jahre in Japan deutlich an. Doch es handelt sich um einen überproportionalen Anstieg, und das ist dann doch wieder recht ungewöhnlich, wenn gerade ältere Menschen straffällig werden.

Wie so oft im Leben gibt es eine einfache, wenngleich erschreckende ökonomische Erklärung für diese Entwicklung: viele Japaner sind im Alter so arm, dass es für sie attraktiver ist im Gefängnis zu sitzen, bei freier Kost und Logis und guter Gesundheitsversorgung. Ein alleinstehender Rentner kann selbst bei einfachster Lebensführung nicht von der staatlichen Grundrente von umgerechnet rund 6500 Euro im Jahr leben.

Daniel Stelter
40 Prozent der Alten in Japan haben keine Familie. Ihnen kommt "zugute", dass in Japan auch mehrfacher einfacher Ladendiebstahl genügt, um hinter Gittern zu landen. 35 Prozent aller Ladendiebstähle werden von über 60jährigen begangen, 40 Prozent der Wiederholungstäter in dieser Altersgruppe haben mehr als sechsmal geklaut.

Bereits der Diebstahl eines Sandwiches im Wert von 200 Yen (also 1,60 Euro) kann so eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren einbringen.

Seit 1991 ist die Zahl der über 60 Jährigen, die im Gefängnis sitzen, weil sie dieselbe Straftat mehr als sechsmal begangen haben, um 460 Prozent angestiegen.

Deutschland folgt Japan demografisch

Nun könnte man die Achseln zucken und es als ein weiteres Beispiel für das japanische Missmanagement der letzten Jahrzehnte abtun. Doch das wäre falsch. Zu groß sind die Parallelen zwischen der japanischen Entwicklung und dem, was uns droht. Wenn überhaupt, macht unsere derzeitige Wirtschaftspolitik alles nur noch schlimmer.

Die Demografie Deutschlands ähnelt der Japans. Die Zahl der Erwerbspersonen im Alter von 20 bis 64 Jahren wird von heute 50 Millionen auf 44 Millionen in 2030 und 34 Millionen bis zum Jahr 2060 zurückgehen. Innerhalb von 45 Jahren werden also 30 Prozent der Arbeitskräfte wegfallen; gleichzeitig wird die Zahl derer, die sie über das Umlagesystem Rente zu versorgen haben, zunehmen.

Es gibt kein Beispiel für ein prosperierendes Land mit schrumpfender Bevölkerung. Es gibt erst recht kein Beispiel für ein Land mit schrumpfender Bevölkerung, welches in der Lage ist, seine Schulden zu bedienen. Japan ist hierfür das beste Beispiel: das Wachstum stagniert seit Jahren - aber das BIP pro Kopf steigt. Der Produktivitätsfortschritt fängt damit den Rückgang der Bevölkerung gerade mal auf. Die Folge ist eine immer höhere Verschuldung relativ zum stagnierenden BIP - und damit das realistische Szenario einer Pleite. Abenomics ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, diese noch abzuwenden. (LINK: http://www.manager-magazin.de/politik/konjunktur/japan-abenomics-soll-die-wirtschaft-retten-a-954180.html )Wie an dieser Stelle regelmäßig dargelegt, wird Japan am Ende nichts anderes übrig bleiben, als die Staatsschulden über die Bilanz der Notenbank zu monetarisieren. Ausgang ungewiss.

Japan ist uns in dieser Entwicklung rund zwanzig Jahre voraus. Deshalb könnte man glauben, dass wir aus den dortigen Fehlern gelernt haben. Leider ist das weit gefehlt. Wohin man auch schaut, machen wir nicht nur die gleichen Fehler, sondern machen noch weitere.

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