Freitag, 9. Dezember 2016

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Referendum als Wechsel des Spielfeldes Wie Varoufakis uns zum Weiterzahlen zwingen will

Yanis Varoufakis: Jeder Tag, den der Finanzminister durch seine Tricks und seine permanenten Wechsel des Spielfeldes gewinnt, macht die Austrittsbarrieren für Angela Merkel größer und einen großzügigen bis vollständigen Schuldenerlass wahrscheinlicher

Gegenwärtig ist es beliebte politische Rhetorik, Yanis Varoufakis als dreisten Lügner, dummen Populisten oder stolzen Besitzer einer traumhaften Eigentumswohnung über den Dächern Athens zu beschreiben. Nebenbei fällt auch das Wort "Wirtschaftsprofessor", aber meist in einem negativen Ton, ähnlich wie vor zehn Jahren bei dem "Professor aus Heidelberg".

Aber anders als bei diesem Professor Paul Kirchhof, dessen angeblich so einfaches Steuersystem in Wirklichkeit hoch komplex war, wirkt die Idee von Varoufakis komplex und undurchschaubar, ist aber in Wirklichkeit einfach.

Denn Varoufakis' Idee besteht nur aus zwei Bausteinen, die zwar nicht neu sind, aber trotzdem von vielen Politikern als Nicht-Ökonomen nicht verstanden werden:

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebs-wirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt - von Personalmanagement bis Unternehmens-strategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch "Generation Z". Sein jüngstes Buch "Schizo-Wirtschaft" ist im Campus-Verlag erschienen.
Der eine Baustein ist die auf Michael Porter und das Jahr 1976 zurückgehende Marktaustrittsbarriere. Danach muss man immer dafür sorgen, dass die Kosten des Gegenspielers so hoch werden, dass er sich nicht (mehr) zurückziehen kann und damit erpressbar wird. Die simple Logik, die man in der Vorlesung von Michael Porter an der Harvard Business School eindrucksvoll gepredigt bekommt, haben auch Vertreter aus dem deutschen Finanzsystem gelernt, als sie das Dogma "Zu groß, um unterzugehen" aufgestellt und sich damit dauerhaft zu Siegern erklärt haben.

Der andere Baustein stammt aus der Spieltheorie. Hier beschränkt sich Varoufakis aber nicht auf Trivialmodelle wie das Feigling-Spiel, bei dem es darum geht, wer mit welchen Konsequenzen als erster aus dem Duell aussteigt. Es geht Varoufakis auch nicht nur darum, auf dem Spielfeld in mehreren Zügen zu denken (bereits damit wäre er weiter als die meisten Politiker und viele Spieltheoretiker). Nein, er plant mehrere Züge auf mehreren unterschiedlichen Spielfeldern hintereinander: Während seine Gegner noch glauben, man würde Poker spielen, schaltet er um auf Bridge und denkt schon über Canasta nach.

Der Gegner muss die Kräfte bündeln - und wird durch neue Entwicklungen verblüfft

Varoufakis hat dieses Spiel mit den beiden Bausteinen ganz anders gelernt als seine politischen Kontrahenten: Er hat für das Unternehmen Valve-Software an und mit Computerspielen wie Counter-Strike gearbeitet. Hier konnte er virtuelle Finanzströme und reales Spielverhalten jenseits echter Finanzströme untersuchen. Dabei hat er auch gelernt, wie Spieler unter Zeitdruck reagieren und wie man komplexe Spiele, die über einen längeren Zeitraum laufen, alleine dadurch gewinnt, dass der Gegner seine Kräfte binden muss (Austrittsbarrieren) und durch neue Entwicklungen verblüfft wird (Wechsel des Spielfeldes). Diese Vorkenntnisse erschließen ihm eine andere Welt und erlauben ihm ganz andere Spielweisen.

Deswegen ist Varoufakis auch mit traditionellen Denkmustern nicht zu knacken: Harmlose Bürokraten verhandeln über irgendwelche Auszahlungs- und Rückzahlungsraten - natürlich ohne Ende. Dann kommt der Schuldenerlass ins Spiel - natürlich auch ohne eine Lösung zu produzieren, denn der Schuldenschnitt hat weder etwas mit dem aktuellen Problem, noch mit seiner Lösung zu tun.

Und während bei uns die üblichen Gutmenschen noch von "Solidarität" träumen, ist Varoufakis schon wieder einen Schritt weiter: Jetzt kommt für alle überraschend das Referendum ("Bürger, stimmt dafür, dass wir das Hilfspaket nicht annehmen und weiter verhandeln").

Die Idee ist genial: Denn Europa muss wegen der Austrittsbarriere irgendwie doch weiterzahlen. Damit erhöht jeder Tag zwar die Schulden von inzwischen rund 300 Milliarden Euro (was Varoufakis aber sowieso egal ist), vor allem aber die liquiden Mittel: Auf der einen Seite stapeln sich also die realen Banknoten, auf der anderen Seite die irrelevanten Schulden. Und jeder Tag macht die Austrittsbarrieren für Angela Merkel sowie Wolfgang Schäuble größer und den vollständigen Schuldenerlass wahrscheinlicher.

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