Samstag, 3. Dezember 2016

re:publica 2014 Die Arroganz der Netzgemeinde

Die Brücke in die analoge Welt: David Hasselhoff auf der re:publica 2014
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Die Brücke in die analoge Welt: David Hasselhoff auf der re:publica 2014

David Hasselhoff hat auf der re:publica entlarvt, warum die Netzgemeinde so politisch irrelevant ist: Sie scheut die Professionalisierung, politische Allianzen, Kooperationen mit der Wirtschaft, Kampagnen auch für Offliner - und ihr fehlen Promis

Nun ist die re:publica zu Ende und wahrscheinlich ist folgendes: Wenn man Teilnehmer und Medienkonsumenten fragt, woran sie am ehesten denken, wenn sie an die Netzpolitik-Messe 2014 denken, werden sie wohl die meisten sagen: David Hasselhoff. Nicht Sascha Lobo, nicht Snowden, nicht WikiLeaks-Aktivistin Sarah Harrison und auch nicht "Ich weiß seitdem, wie wir die Netzpolitik wieder relevant machen."

Hasselhoff hat gleich auf mehreren Ebenen enthüllt, woran es der Netzgemeinde mangelt (ja, ich nenne die Gläubigen an die erleuchtende Kraft des Internets weiter so): Ihr fehlt es an einer Strategie, an einem klaren Thema, an Organisation, an Bekanntheit und an Beliebtheit - anders als Hasselhoff.

Der Ex-Sänger, Ex-Schauspieler und unfreiwillige Ex-Youtube-Star war nicht etwa auf Einladung der Organisatoren nach Berlin gekommen, sondern dank eines Unternehmens: F-Secure nutzt ihn als Werbefigur für eine Sicherheitssoftware. Bei Twitter hat er damit gewonnen: 4500 Tweets von der re:publica erwähnen ihn. "Überwachung" kommt nur auf knapp 1000. Sascha Lobo, des Netzes prominentester Prediger, auf immerhin 3500 (Quelle: BR, #rp14-trends). Und auch bei Google News kommt Hasselhoff auf vier Mal mehr Erwähnungen als etwa Lobo .

Dabei sollte es doch umkehrt sein, gerade im viel erwähnten "Jahr eins nach Snowden". Vor gut einem Jahr hatte der Ex-Mitarbeiter von CIA und NSA die Abhörpraktiken der Geheimdienste enthüllt. Es war der wohl größte Datenspionageskandal der modernen Zeit, mit mutmaßlich Millionen Betroffenen, inklusive der handynutzenden Bundeskanzlerin. Trotzdem ist es seitdem nicht gelungen, relevante Wählermengen für das Thema zu interessieren. Auch nicht der re:publica 2014, die sich zum Ziel gesetzt hatte, ein deutliches Zeichen der Empörung zu setzen - wie ihr Mitbegründer und Mitorganisator Markus Beckedahl zur Eröffnung erklärte.

Der Grund für die Ignoranz in weiten Teilen der Öffentlichkeit ist die Arroganz vieler Netzianer. Im Glauben, das Internet sei dem Rest der Welt überlegen - und die Netznutzer damit auch - haben sie es nicht für nötig befunden, sich über jene wirklich Gedanken zu machen, die nicht zu ihren Kreisen und ihren Followern gehören. Sie haben nicht um sie geworben, sind nicht auf sie eingangen, haben nicht ihr Verständnis und ihre Unterstützung gesucht. Sondern erwartet, dass sie gefälligst es endlich einsehen und zu ihrem Glauben konvertieren.

So haben sie sich auch nicht dafür interessiert, wie Politik, Wirtschaft, Öffentlichkeit funktionieren. Sie wissen es ja alles besser als die Etablierten. Die Ermahnung von Sascha Lobo bei seiner jährlichen Grundsatzrede auf der re:publica, sein eindringlicher, richtiger Appell, doch endlich über richtige Lobbyarbeit und politische Strukturierung nachzudenken, wird erneut ungehört verhallen. Er mahnte Ähnliches auch schon vergangenes Jahr an, an selber Stelle. Ohne etwas zu bewirken.

Folgendes müsste die Netzgemeinde deshalb endlich begreifen:

Kompromissbereit sein. In der Politik setzt sich nicht derjenige durch, der glaubt, am meisten Recht zu haben. Sondern der, der Gemeinsamkeiten mit anderen sucht, Koalitionen schmiedet, Kompromisse schließt. Das heißt, man muss auf andere politische Gruppen und Parteien zugehen und nach Überschneidungen suchen. Selbst wenn deren Aktivisten und Politiker alt sind und keinen Twitter-Account haben.

Professionalisierung. Der tiefe Fall der Piratenpartei zeigt, dass Basisdemokratie professionelle Strukturen ergänzen, aber nicht ersetzen kann. Professionalisierung heißt, dass sich gut ausgebildete Spezialisten den ganzen Tag mit politischer Arbeit beschäftigen können. Dass sie eine gewisse Entscheidungsfreiheit haben. Und sie dafür bezahlt werden, damit sie davon leben können. Diese Berufspolitiker und Lobbyisten sind die Basis für eine kontinuierliche, beharrliche, nachhaltige und professionelle politische Arbeit.

Konkretisierung. Es ist den Netzianern nicht gelungen, den Bürgern KONKRET zu vermitteln, worin denn überhaupt das Problem liegt. Denn statt konkrete, symbolische und bildhafte Fälle herauszuarbeiten, warfen die Amateuraktivisten mit Grundsatzwörtern wie "Freiheit", "Grundrechte" oder "Privatsphäre" um sich. Sie sollten sich ein Beispiel an der Umweltbewegung nehmen: Für den Tierschutz verweist sie auf bedrohte Kuscheltiere wie Pandabären, Tigerjungen und Robbenbabys.

Mehrheitsfähige Kampagnen. Facebook-Klicks, Retweets und Online-Unterschriften verändern die Welt nicht. Dazu braucht es Kampagnen, die einfach, symbolisch und massenwirksam sind: Wie etwa die Greenpeace-Aktion gegen die Nordseebohrinsel Brent Spar des Unternehmens Shell. Die Organisation rief damals zum Boykott der Shell-Tankstellen auf. Das war einfach für jeden Bürger, da er ja einfach zu Aral, Total oder BFT fahren konnte - die Aktion hat ihm nicht geschadet, wohl aber dem Unternehmen. F-Secure macht es ähnlich, wenn es verspricht: Installiere einfach unser Programm, mach ansonsten alles weiter wie bisher, und du bist sicher. Das klingt für jeden unproblematisch und scheint ohne Nachteile. Aufrufe zur Installation von Verschlüsselungsprogrammen und Splittergruppen-Chatprogrammen (Threema), die Kommunikation nur einschränken, sind das Gegenteil: Da ist es für die normalen Nutzer lohnender, weil einfacher, bei ihrer jetzigen Praxis zu bleiben.

Die Wirtschaft ist nicht böse. Wer Veränderung will, sollte die Produkte und Ideen von gewinnorientierten Unternehmen nicht pauschal ablehnen. Der Markt hat inzwischen mehr für die Stärkung der Privatsphäre erreicht als fundamentalistische Altruisten. Es sei nur an die Kampagne der deutschen Unternehmen für sichere Mails auf deutschen Servern erinnert, an Threema, oder auch an die Software des Hasselhoff-Bestellers F-Secure. Gewinne motivieren zu Innovationen und ermöglichen ihre Verbreitung. Und Gewinne ermöglichen es den Innovatoren, ihre Ideen nicht nur als Hobby zu Produkten weiterzuentwickeln, sondern davon zu leben.

Promis. Kampagnen, politische Ideen und Bewegungen brauchen ein Gesicht: Rudi Dutschke war es für die 68er Bewegung, Fischer für die Grünen, Klopp für Opel. Sie müssen von einer Mehrheit - auch einer ohne Internetaffinität - erkannt und gemocht werden. Sie müssen fähig sein, komplexe Inhalte kompakt zu formulieren, unerwartbar, variabel und gern witzig (der Gysi-Faktor). Allein schon, um in Gesprächen, Interviews, Talkshows sich Gehör zu verschaffen, sich durchzusetzen und zugleich sympathisch zu wirken. So funktioniert Öffentlichkeit nun mal. Hasselhoff und F-Secure haben das offensichtlich verstanden.

Den Beitrag veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von opinion-club.com, wo er am 8. Mai in leicht anderer Form unter der Überschrift "I`ve been looking for Lösung" erschien.

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