Donnerstag, 30. Juni 2016

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Die romantische Rhetorik der Energiewende Bitte nicht mit Argumenten stören!

Irgendwie sollte das mit der Energiewende so funktionieren wie bei der Saarschleife - das romantische Herz freut sich und der Strom fließt trotzdem.

3. Teil: Verteilungskonflikte werden immer stärker in den Vordergrund treten

Doch so führen wir unsere Energiedebatte nicht. Stattdessen tun wir so, als ob eine heute installierte PV-Anlage uns auf ewig von der Schuld des Energieverbrauchs befreite. Wir lassen uns einreden, dass es in der realen Welt einen Unterschied darstellt, ob das CO2 aus einem Kohle- oder einem Gaskraftwerk, oder ob es aus Polen oder aus Deutschland stammt. Wir akzeptieren und übernehmen kritiklos eine völlig unangemessene, überhöhte - und gerade deshalb in Deutschland ungemein wirkungsvolle - "Energiewende"-Rhetorik. Und wundern uns dann, dass der deutsche Stromsektor sich mehr und mehr zerfranst

Diese radikale, idealistische und letztlich "weltfremde" Grundhaltung scheint mir das Kernproblem der deutschen Energiedebatte zu sein. Auch, weil sie dafür missbraucht wird, eine scharfe Trennlinie zwischen sogenannte "Befürworter" der "Energiewende" und deren "Gegner" zu ziehen. Eine differenzierte, realitätsnahe Diskussion mit einer nüchternen Abwägung von Nutzen und Kosten alternativer Ziele und jeweiliger Mittel zu deren Erreichung ist in einem solchen politischen Klima kaum möglich - und aus Sicht der Idealisten auch obsolet.

Auf Dauer wird die raue Wirklichkeit die deutsche Romantik mehr und mehr einholen. Kosten und Landschaftsverzehr werden weiter zunehmen, ohne dass ein dem entgegenstehender gesamtgesellschaftlicher (!) Nutzen erkennbar werden wird. Dadurch werden die Verteilungskonflikte immer stärker in den Vordergrund treten. Erste Vorboten sind die Debatten über die Belastung der Eigenerzeugung oder die Wegeführung für die geplanten Stromtrassen nach Süddeutschland. Zudem wird deutlich werden, dass das deutsche Vorbild gerade wegen seiner Radikalität eben kein solches ist, und dass Deutschland hieraus zunehmend Nachteile gegenüber dem Rest der Welt erwachsen.

Über einen gewissen Zeitraum mag die Rhetorik von Brüderlichkeit und edler Tat diesen Einbruch von kalter Realität noch in guter deutscher Tradition überspielen. Doch was kommt danach?

Marc Oliver Bettzüge ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln sowie Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI). Er ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de

Unsere Gastbeiträge zur Energiewende haben die aktuelle Diskussion befeuert. Zuletzt erschienen: Warum so viele Menschen die Energiewende schlechtreden von Günther Bachmann, dem Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Klimaretter Deutschland - Ende der Märchenstundevon Marc Oliver Bettzüge. und Warum ein Ausstieg aus der Kohle schädlich ist von Fritz Vahrenholt.

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