Freitag, 14. Dezember 2018

Krisenkommunikation im Bahnstreik Kutschen, Säufer, Trillerpfeifen

Handschlag zwischen Bahn-Chef Rüdiger Grube und GDL-Vorsitzendem Claus Weselsky vor zwei Jahren. Inzwischen mag der eine den Namen des anderen nicht in den Mund nehmen. Und der andere vermutet sein Gegenüber in einer Badewanne voller Champagner.

Im Arbeitskampf zwischen Bahn und Lokführer-Gewerkschaft bedienen sich beide Seiten der Medien und fester Rollenerwartungen. Die Wortwahl der Auseinandersetzung lässt dabei Rückschlüsse auf Taktik und Emotionen zu.

Ein WDR-Kollege schrieb kürzlich über Claus Weselsky, den Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), in einem Facebook-Beitrag: "Ich finde ihn unsympathisch". Muss ein Gewerkschaftsfunktionär in Zeiten eines Arbeitskampfes "sympathisch" sein? Er muss die Interessen seiner Mitglieder vertreten und dabei eine klar definierte Rolle spielen. Für seine zahlenden Gewerkschaftsmitglieder wie für die Medien. Ohne die geht es nicht im Arbeitskampf.

So wettert denn auch der GDL-Chef ganz nach Drehbuch: "Der Bahnvorstand versäuft nur seine Boni und badet in Champagner." (zitiert nach Kölner EXPRESS)

Das ist Klassen- und Arbeitskampf der alten Schule und erinnert stark an den emotional geführten Arbeitskampf des DGB aus dem Jahr 1956 zur Einführung der 40-Stunden-Woche: "Samstags gehört Vati mir". In den schriftlichen Dokumenten der GdL wird die Aussage etwas abgeschwächt: "Während der Vorstand von den üppigen Boni im Champagner baden kann, […]"(zitiert nach Pressemitteilung der GDL).

Das liest sich schon etwas anders und der Vorwurf, der Bahnvorstand sei nur eine verschworene Gemeinschaft von Säufern wird nicht erhoben. Das Bild "in Champagner baden" ist weit weg von einer Beleidigung - aber die Formulierung Boni, die man "versäuft" überschreitet diese Grenze deutlich. Dennoch profitiert die GDL genau von dieser Bandbreite der Zitate in der öffentlichen Wahrnehmung. Sie kann die Tarifverhandlungen nur mit Druck über die Medien führen, denn sie braucht zugleich die Solidarität der geschädigten Berufspendler, die auf die Bahn angewiesen sind.

Grubes kapitaler Fehler

Nicht gut beraten ist Bahn-Chef Rüdiger Grube, wenn er sich zu solchen Äußerungen über seinen Verhandlungspartner hinreißen lässt:

"Diese Person, deren Namen ich möglichst nicht in den Mund nehme." (zitiert nach Stuttgarter Zeitung)

Ja, es ist eine (richtige) Taktik, den Namen eines Gegners möglichst selten bis gar nicht zu nennen und spätestens seit dem ersten TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber kein Geheimnis mehr.

Aber es ist ein kapitaler Fehler, diese Tatsache auf diese Art und Weise zu artikulieren. Es sagt mehr über die emotionale Verfassung des Bahn-Chefs aus, als es ihm lieb sein dürfte. Medien lieben solche Zitate, weil sie das Klischee zweier aufeinander lospreschender Kontrahenten vorbildlich bedienen.

In meinen Mediencoachings verweise ich gelegentlich auf Mutter Natur. Dort nennt man es "artgerechtes Verhalten", wenn sich zum Beispiel ein Raubtier wie ein Raubtier verhält. Ist es nicht auch "artgerechtes Verhalten", wenn ein Gewerkschaftsführer zuweilen krawallig wird in der Auseinandersetzung und ein Unternehmens-Vorstand zunächst einmal mauert?

Dem Unternehmen ist allerdings die Sachebene als artgerechtes Verhalten zuzuordnen - der Gewerkschaft bleibt die Emotion vorbehalten. Schließlich werden Fahnen, Transparente und Trillerpfeifen dort verteilt - nicht im Bahn-Vorstand.

Tarifangebot geschickt platziert - und Weselsky kann nur noch schäumen

Licht und Schatten liegen bei Rüdiger Grube und seinen Interview-Zitaten eng beieinander. So unvorteilhaft seine Aussage über Weselsky war - die Ankündigung seines Tarifangebotes war um so geschickter platziert. Obwohl davon auszugehen ist, dass Grube der Vorschlag bereits vorlag, kündigte er auf der Bahn-Pressekonferenz zunächst nur ein kleines Appetit-Häppchen an, nämlich einen "Vorschlag zur Befriedung der Lage" (zitiert nach Tagesspiegel unter Berufung auf die Bahn-Pressekonferenz)

Dieses Zitat ging bereits durch die Medien, noch bevor der Gewerkschafter seine Sicht der Dinge darstellen konnte. Ein geschickter Schachzug von Grube und seinem PR-Team. Damit waren die Weichen schon gestellt, denn eine Bewertung des Bahn-Vorschlages fand zugunsten der Bahn in den Medien bereits statt: Die Bahn als Befrieder der Lage.

Kein Wunder, dass Weselsky dann nur noch schäumen konnte:

"Niemand sollte davon ausgehen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund eines PR-Gags des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn die Streikaktionen beenden." (zitiert nach FAZ)

So weit, so gut. Eine sachliche Entgegnung. Aber dann kann er wohl nicht anders, als die Erwartungshaltungen an einen Gewerkschafter zu bedienen. Man habe das Angebot noch nicht vorliegen:

"Vielleicht ist das Angebot der Bahn noch mit der Postkutsche unterwegs." und "Die Bahn manipuliert, wie es ihr nur so passt." (zitiert nach EXPRESS)

Grube dagegen gab sich bescheiden und hielt sich konsequent an die Kommunikationsregel, als angegriffenes Unternehmen nicht emotional zu reagieren, sondern auf der Sachebene zu punkten.

"Die Lösung wird es nicht sein." Und er sprach vom "gesunden Menschenverstand." (zitiert nach Siegener Zeitung)

Auch das ist eine geschickte Positionierung: Er betont seinen gesunden Menschenverstand. Damit schwingt zwar der Vorwurf der Unsachlichkeit an seinen Verhandlungsgegner mit, aber subtil, wo er seine Wirkung voll entfalten kann. Das ist wesentlich besser als ein polterndes "Diese Person, deren Namen ich möglichst nicht in den Mund nehme."

Für Grube und Weselsky geht es jetzt in der verbalen Auseinandersetzung über die Medien vor allem um zwei Dinge: Zum einen natürlich um ein akzeptables Verhandlungsergebnis und zum anderen natürlich darum, die eigene Person möglichst unbeschädigt aus der Angelegenheit heraus zu bekommen. Man kann dem zuversichtlich entgegen sehen - auch wenn in den Medien die Wogen gelegentlich stärkeren Seegang anzeigen.

Wenn Rüdiger Grube innere Größe behält und einen Hauch von Selbstironie verspürt, dann schenkt er Weselsky bei der Unterzeichnung des Tarifvertrages eine Flasche Champagner. Es muss ja nicht gleich eine ganze Badewanne voll sein.

Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer und Experte für Krisenkommunikation. Er coacht Vorstände und Politiker für den Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Buschardt hat auch schon Gewerkschafter und diverse Bahnverkehrs-Unternehmen beraten. Er ist in diesen Tarifverhandlungen aber externer Beobachter und nicht involviert.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH