Donnerstag, 15. November 2018

Frauenquote für Aufsichtsräte "Viele Frauen in Deutschland wissen sich selbst nicht richtig einzuschätzen"

Welche Anforderungen sind an den Aufsichtsrat zu stellen? Wir weigern uns in Deutschland seit Jahren, die entscheidende Diskussion zu führen

Die Kontroverse zwischen Heiner Thorborg und Monika Schulz-Strelow zur Frauenquote in Aufsichtsräten hat unter unseren Lesern eine heftige Kontroverse ausgelöst. Nachfolgend der Leserbrief von Peter Dehnen, dem Vizepräsidenten der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD).

Hamburg - Es wird Zeit, dass die Emotionalität aus dem Thema "Frauenquote" endlich verschwindet; denn sie fördert weder die Sache noch gehört sie dahin. Und das ist - wenn man denn wirklich über die Sache diskutieren will - ganz einfach. Man muss sich lediglich von der Stereotype frei machen, die Männer, Manager und Personalberater leider viel zu oft und gerne als Fahne vor sich her tragen: "Aufsichtsrat kann man nicht lernen" oder "Wer nie Führungsverantwortung hatte, kann nicht Leute überwachen, die in einem Unternehmen Strategien entwickeln, führen und entscheiden". Wo kommen diese Weisheiten eigentlich her?

Der Versuch, das Thema Aufsichtsrat mit den Themen Top-Management und Führungsverantwortung zu verbinden, mag gut sein für das Eigenmarketing (Generation CEO und The Female Factor), hilft aber in der Sache überhaupt nicht weiter. Denn: Ein Aufsichtsrat hat mit einem Manager so viel gemein wie der Steuerberater mit einem Wirtschaftsprüfer. Zwar hilft es, wenn man als Wirtschaftsprüfer auf jahrelange Erfahrung als Steuerberater verweisen kann, aber dies sagt nichts über die Qualifikation des Wirtschaftsprüfers als solchem aus.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wir "weigern" uns in Deutschland seit Jahren, die entscheidende Diskussion zu führen, nämlich, welche konkreten Anforderungen sind an die Qualifikation eines Aufsichtsrates zu stellen.

Allgemein unterscheidet man - ausgehend von den AR-Berufsgrundsätzen der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland e.V. (VARD), dem deutschen Berufsverband für Aufsichtsräte - drei Stufen der Qualifikation eines Aufsichtsrates:

  • (1.) Grundvoraussetzungen: Persönlichkeit, (finanzielle) Unabhängigkeit und unternehmerische Erfahrung
  • (2.) Basiskompetenzen: Kontrollkompetenz und Teamkompetenz.
  • (3.) Spezialkenntnisse: Branchenerfahrung, Internationalität, Finanzen etc., d.h., Kenntnisse, die die Person für die konkrete Zusammensetzung eines individuellen Aufsichtsrates geeignet machen.

Das Thema "Frauenquote" bleibt in der Diskussion leider immer auf Stufe (1.) stecken. Es gäbe nicht genug Frauen mit "Führungserfahrung" und deshalb fehle die unabdingbare "unternehmerische Erfahrung", d.h., die Fähigkeit und Erfahrung, auch komplexe Unternehmensstrukturen zu verstehen und zu durchschauen. Das ist jedoch nur scheinbar logisch.

Viele Wege führen nach Rom

Wie wir wissen, führen viele Wege nach Rom. Und es geht eben nicht um die Qualifikation als Top-Manager(in), sondern um die Qualifikation als Person, die im Gremium einen wesentlichen Beitrag zur Überwachung der Geschäftsleitung leisten kann (§111 AktG).

Der Aufsichtsrat muss also in allererster Linie "kontrollieren" können. Und (nur) hierfür braucht sie/er "unternehmerische Erfahrung". Was das im konkreten Einzelfall bedeutet, richtet sich nach Branche, Internationalität, Unternehmensgröße und Aktionärsstruktur - ist mithin einer Pauschalierung nur sehr begrenzt zugänglich.

Und wie kommt man an diese - unbestritten - unabdingbare "unternehmerische Erfahrung"? Eine grandiose CEO Karriere ist sicherlich ein Weg. Aber es gibt auch andere Wege, die im Ausland schon weitestgehend zum Standard gehören, aber in Deutschland noch weitestgehend unbekannt sind. So bieten beispielsweise innovative, zukunftsorientierte Unternehmen ihren neuen Aufsichtsräten ein maßgeschneidertes "Onboarding" - eine 6-12 monatige begleitete Einarbeitung in die Komplexität des zu beaufsichtigenden Unternehmens. Mit anderen Worten, hier entsteht dann ganz konkrete und spezielle unternehmerische Erfahrung.

Ich kann Ihnen aus Erfahrung versichern, Herr Thorborg, dass wir in Deutschland und im Ausland schon heute - über alle Quotengrenzen hinweg - qualifizierte AR-Frauen haben. Viele Frauen in Deutschland wissen sich selbst nicht richtig einzuschätzen oder trauen sich nicht nach vorne. Aber vielleicht jetzt?!

Frauenquote: Wo bleiben die Sachargumente, Frau Schulz-Strelow? Frauenquote für den Aufsichtsrat: Nicht so kopflos, Herr Thorborg!

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