Donnerstag, 30. Juni 2016

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Zwischen digitalem Prekariat und Burn-Out-Elite Wollen wir wirklich zurück in die Leibeigenschaft?

Was ist uns Arbeit wert? Für die deutschen Spargelanbauer ist der Fall klar: Der Mindestlohn helfe nicht, diese Frage zu beantworten. Der sei ein bürokratisches Monster und mache nur den Spargel teurer. Erntehelfer und Gewerkschaften sehen das in der Regel anders.

Vor kurzem hat sich in den USA ein Unternehmer höchst ungewöhnlich verhalten - so ungewöhnlich, dass er weltberühmt wurde. Dan Price, Inhaber der Firma Gravity Payments, kündigte an, dass alle seine Mitarbeiter künftig 70.000 Dollar Jahresgehalt bekommen. Für manche wird das eine Verdopplung bedeuten. Price selbst senkte sein Gehalt von 1 Million Dollar entsprechend auf 70.000 Dollar.

Warum er das gemacht hat? Jedenfalls nicht aus Altruismus. Ganz abgesehen davon, dass es eine geniale PR-Idee ist, soll Price' Motiv gewesen sein, dass er keine unkonzentrierten Mitarbeiter haben will, die sich Geldsorgen machen. Er will zufriedene Mitarbeiter. Das Unglaubliche daran ist weniger, dass er sich über so etwas Gedanken macht, sondern dass andere nicht nachdenken. Vor allem nicht in Deutschland.

Die gesellschaftliche Debatte über Arbeit, über den Wert von Arbeit in Deutschland ist überfällig. Denn die hiesige Arbeitswelt bietet ein erschreckendes Bild, das eher aus einem Entwicklungsland als aus einem der reichsten Länder der Welt zu stammen scheint: Löhne von ein, zwei oder drei Euro pro Stunde, in Hotels, Schlachthöfen, auf Feldern - selbst jetzt noch, unter Umgehung des Mindestlohns. Menschen, die zu Dutzenden in Baracken hausen und unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen.

Zur Person
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    Simone M. Neumann
    Reiner Hoffmann ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

Drei Millionen Menschen, die sich dopen, um großen Stress, die Powerpoint-Präsentation oder manchmal schlicht den Joballtag durchzuhalten. Pfleger, die keine Zeit mehr für ihre Patienten haben, und alte Menschen deswegen ruhigstellen. Niedriglöhner, die zwei, drei schlecht bezahlte Jobs machen, um über die Runden zu kommen. 10-Stunden-Tage, zermürbende Schichten, Überstunden, die nicht bezahlt werden.

Feste Arbeitsstellen schwinden: Die Zahl derjenigen, die in so genannter atypischer Beschäftigung stecken, also in Zeitarbeit, Befristung oder geringfügigen Jobs, hat in den vergangenen 20 Jahren um 70 Prozent auf 7,6 Millionen Menschen zugenommen - bei 30,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Liste ließe sich problemlos verlängern. Arbeit, so scheint es, hat nur noch einen Wert: Dass man sie überhaupt hat, egal unter welchen Bedingungen.

Hauptsache Arbeit, egal unter welchen Bedingungen

Dazu die anderen Meldungen: Konzernvorstände, die bis zu 300 mal mehr als ein Industriearbeiter verdienen, selbst dann, wenn das Unternehmen keinen Gewinn macht. Aktienmärkte, die steigen, wenn Menschen entlassen werden. Europäer, die lethargisch zusehen, wie Menschen hungern und an banalen Krankheiten sterben, während die Konten in den Steueroasen anschwellen.

Dieser Zustand ist nicht zukunftsfähig. Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von Arbeit. Über Löhne, über Wertschätzung, über Anerkennung, über Umverteilung, über gleiche Löhne für gleiche Arbeit, über Flexibilität und Sicherheit für beide Seiten. Über die Herausforderungen, vor denen die Arbeitswelt in Deutschland steht, Digitalisierung und demografische Entwicklung, und wie man ihnen gemeinsam gesellschaftlich begegnet, ohne ein digitales Prekariat auf der einen Seite und eine Burn-Out-Elite auf der anderen Seite entstehen zu lassen.

Die demografische Entwicklung und die Digitalisierung werden die Arbeitswelt in Deutschland langsam, aber sicher umpflügen und weitreichend verändern. Mit Chancen, aber mit auch mit erheblichen Risiken. Darüber muss geredet werden - jetzt. Wir brauchen ein neues Label, statt Made in Germany : Work in Germany. Nicht mehr nur das Produkt, die Arbeitsbedingungen müssen zum Qualitätslabel werden.

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