Freitag, 16. November 2018

Kolumne Der Tod des Joint-Ventures in China

Joint Ventures mit westlichen Konzernen werden in China zum Auslaufmodell. Peking verliert das Interesse an Gemeinschaftsunternehmen und liberalisiert einige Branchen - auch deutsche Unternehmen können davon profitieren.

Hamburg - Wie Volkswagen einst nach China kam, ist eine irre Geschichte. Ex-VW-Vorstand Martin Posth, der ein Pionier des China-Geschäfts war, erzählt sie immer wieder gerne. Und sie geht so: Ein paar Jahre nach dem Beginn der Dengschen Reformpolitik anno 1978 wollte die Pekinger Führung ihre Autoindustrie modernisieren.

Sie erkannte richtig: Das geht nur mit westlicher Hilfe. Also tauchte Chinas Autominister mit seiner Entourage bei europäischen Autofirmen auf. In Deutschland fuhren sie zu Daimler Börsen-Chart zeigen nach Stuttgart. Auf dem Wege dorthin sahen sie auf den deutschen Strassen aber eine noch viel populärere Automarke: Volkswagen. Sie dachten sich: Volkswagen und Volksrepublik - dass passt.

Sie fuhren spontan nach Wolfsburg, standen an der Pforte und baten um ein Gespräch mit dem Vorstand. Der Pförtner rapportierte an die Chefetage: Hier sind Chinesen, die wollen ein Gespräch. Nur weil damals ein Vorstand dies nicht für ein Scherz hielt und bereit war, die Herren in ihen blauen Anzügen zu empfangen, macht heute der Volkwagen-Konzerns rund die Hälfte seines Gewinns im Riesenreich.

Denn dem Sponti-Besuch folgte 1984 nach zähen Verhandlungen die Etablierung eines Joint-Ventures mit dem staatlichen Shanghaier Autokonzern SAIC. Es war das erste Gemeinschaftsunternehmen in dieser Branche und generell das erste mit deutscher Beteiligung.

Joint Venture: Von der Wunderwaffe zum Auslaufmodell

Joint-Ventures waren damals für beide Seiten die vermeintliche Wunderwaffe. Über sie kamen die Chinesen an Kapital und Know How heran. Die westlichen Partner erhofften sich besseren Zugang zu den Bürokraten und Märkten. Doch längst ist Ernüchterung eingekehrt auf, auch auf chinesischer Seite.

Siehe Autoindustrie: Keinem der chinesischen Joint-Venture-Partner mit deutschem Partner - ob SAIC, FAW (Audi Börsen-Chart zeigen und VW), BAIC (Daimler) oder Brilliance (BMW) - ist es bislang gelungen, ein weltmarkttaugliches Auto zu produzieren. Trotz des jahrezehntelangen Know-How-Transfers und trotz der vielen Milliarden Euro, die zum Beispiel SAIC als Gewinn aus dem florierenden Joint-Venture mit VW kassierte.

Joint-Venture-Zwang soll es künftig nur noch für elf statt derzeit 43 Branchen geben. Kurze Zeit keimte Hoffnung auf, dass dieser Zwang auch für die Autobranche fallen würde.
Im China-Geschäft verliert deshalb schon seit Jahren das Joint-Venture an Bedeutung. Wer als westliches Unternehmen nicht in diese Rechtsform gezwungen wird, geht in der Regel kein Joint-Venture mehr ein, sondern macht es alleine. Und auch der chinesische Staat verabschiedet sich zusehends von der Idee des Gemeinschaftsunternehmens.

Welche Branchen von der Liberalisierung profitieren

Diese Tendenz wird deutlich, wenn man die derzeitige Diskussion um die Neufassung des "Foreign Investment Industrial Guidance Catalogue" verfolgt. In ihm listen - wir leben ja schließlich in einer gelenkten Marktwirtschaft - die allmächtige Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) und das Handelsministerium auf, in welchen Industrien ausländische Investitionen "gefördert", "beschränkt" "verboten" und "erlaubt" werden. Derzeit gilt noch eine Fassung vom Januar 2012.

Der am 4. November vorgelegte Entwurf, zu dem bis Anfang Dezember Eingaben gemacht werden konnten und der eventuell zur Jahresmitte 2015 verabschiedet werden könnte, ist ein Dokument der weiteren Öffnung. Diese optimistische Einschätzung vertreten jedenfalls Anwälte, die die Listen sehr genau durchforstet haben.

So soll die Zahl der "beschränkten" Branchen von 79 auf 35 reduziert werden. Betroffen von der Liberalisierung sind vor allem die Branchen Stahl, Mineralölverarbeitung, Automobilelektronik, Antriebstechnik, E-Commerce, Finanzierungsservice, Versicherungsmakler sowie der Flugzeugbau.

Joint-Venture-Zwang soll es künftig nur noch für elf statt derzeit 43 Branchen geben. Kurze Zeit keimte Hoffnung auf, dass dieser Zwang auch für die Autobranche fallen würde. Doch daraus wurde nichts. SAIC & Co. wollen nicht auf die leicht verdienten Milliardengewinne aus ihren Joint-Ventures verzichten.

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