Samstag, 18. November 2017

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Krisenwährung Euro-Land darf nicht sterben

EU-Flaggen in Brüssel: Gemeinsame Haftung, gemeinsame Arbeitslosenversicherung

Die Schuldenprobleme werden immer monströser: Nun droht die Krise auch noch auf Italien überzugreifen. Europa muss sich endlich zu einem großen New Deal aufschwingen. Andernfalls wird die Währungsunion scheitern.

Fast hätte Jean-Claude Trichet die Contenance verloren. Als bei der Pressekonferenz vorigen Donnerstag immer wieder Fragen nach den Problemländern Irland, Portugal und Griechenland an ihn herangetragen wurden, reagierte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) heftig: "Darf ich Sie daran erinnern, dass wir Experten für den Euro-Raum als Ganzes sind!", antwortete er in ungewohnt scharfem Ton. Er sei es leid, ständig etwas zu einzelnen Staaten sagen zu sollen. Dafür habe die EZB gar kein Mandat.

Das ist das große Problem des Euro: Wie es dem Währungsraum als Ganzem geht, das will kaum noch jemand wissen. Entsprechend schwierig wird es für die EZB auf Dauer, einen Kurs durchzuhalten, der auf breite Akzeptanz in den Mitgliedstaaten stößt.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass nun erstmals eine große Volkswirtschaft ins Visier der Finanzmärkte geraten ist: Italien. Schon ist für heute ein Krisentreffen in Brüssel einberufen, wird eine weitere Aufstockung des Rettungsschirms debattiert. Aber Italien ist zu groß und zu hoch verschuldet, um so einfach mit Garantien aus dem Gemeinschaftsfonds stabilisiert werden zu können. Nun rückt ein Szenario ins Blickfeld, das lange Zeit als Hirngespinst abgetan wurde: Wenn Europas drittgrößte Volkswirtschaft sich nicht mehr am Markt refinanzieren kann, dann bleibt womöglich nur noch eine Option - Gelddrucken.

Doch Euro-Europa, so sieht es aus, macht weiter wie bisher: Fallweise werden die gerade auftretenden Probleme bearbeitet, ohne dass dahinter eine größere, umfassendere Idee sichtbar würde. Währenddessen spitzt sich die Lage immer weiter zu. Diese Problemlawine hat nichts mit Ökonomie zu tun, sondern vor allem mit dem schwachen politischen Zusammenhalt und dem mangelnden Wir-Gefühl in Europa. Die Frage, was Europa im Innersten zusammenhält, lässt sich nicht klar und einfach beantworten.

Euro-Land wurde von Euro-Gebiet abgelöst

Viel verraten die Feinheiten der Sprache über die kollektive Befindlichkeit, die darunter im Unbewussten schlummert. Als die gemeinsame Währung Ende der 90er Jahre endlich einen Namen hatte, begannen viele von "Euro-Land" zu sprechen. Eine sprachliche Hilfskonstruktion: Hier entstand ein Gebilde, das viele, aber nicht alle Merkmale eines gemeinsamen Staatswesens hatte. "Euro-Land" - das war ein sprachlicher Platzhalter, der auf weitere europäische Integration hoffen ließ. Denn genau das war ja das Ziel Helmut Kohls und anderer gewesen: Irgendwie die Staaten Europas zu vereinigen - die Politik würde, ja sie müsste, dann schon der ökonomischen Integration folgen.

Inzwischen ist von "Euro-Land" kaum noch die Rede. Im EU- und EZB-Sprech wird seit je das neutrale, aber technisch tönende "Euro-Gebiet" ("euro area") verwendet. Im allgemeinen Sprachgebrauch bürgert sich der Begriff "Euro-Zone" ein. Das klingt nicht gut. Vor allem in westdeutschen Ohren schwingen da Erinnerungen an Billionenüberweisungen und den "Soli" als Obertöne mit - ohne dass die versprochenen "blühenden Landschaften" oder auch nur ein "selbsttragender Aufschwung" realisiert worden seien. Mit der "Zone" haben die Bundesrepublikaner schließlich so ihre Erfahrungen gemacht.

Und in der Tat ist es diese Vorstellung, die die Bundesbürger derzeit beunruhigt: Dass große Teile des Euro-Landes (!) sich in ein Multi-Billionen-Grab verwandeln, für das wir bis in alle Ewigkeit zahlen müssen. Deutschland in der "Euro-Zone" - dabei geht es nicht mehr darum, die historischen Gegensätze und Kriege in Europa in gemeinsame Chancen zu verwandeln, wobei die gemeinsame Währung nur das Instrument ist, das weitere Zusammenwachsen zu befördern.

Es geht in weiten Teilen der Öffentlichkeit nur noch um Geld, Schulden und Schuld. "Pleite-Griechen", schreit der deutsche Boulevard. "Euro-Nazis", schallt es zurück.

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