Samstag, 19. Januar 2019

Angst vor der nächsten Rezession Das R-Wort ist wieder da

Maschinenbauer in Baden-Württemberg

Die Rezession hat Konjunktur - zumindest das Wort "Rezession" findet sich seit September gehäuft in unserem Pressearchiv. Allein im gerade erst zur Hälfte beendeten Monat Dezember taucht es schon 192-mal auf (auch dieser Artikel wird die Zählung erhöhen), während es im gesamten Dezember 2017 nur 148 Nennungen waren. Auch global zeigt sich das Phänomen in einer Zunahme von Internetsuchen nach dem Begriff.

Laut einer Umfrage der Duke University rechnet fast die Hälfte der Finanzvorstände von Unternehmen in den USA damit, dass 2019 die nächste Wirtschaftskrise beginnt. In Europa sind es sogar zwei Drittel. Wird der Prognosezeitraum bis 2020 ausgedehnt, ist sich auf beiden Seiten des Atlantiks die große Mehrheit sicher.

Die Suche nach Gründen fällt leicht: der drohende Handelskrieg, ein möglicherweise chaotischer Brexit, Turbulenzen in China - dem wichtigsten Wachstumsmotor der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren, in Deutschland zudem noch hausgemachte Probleme der Autoindustrie ... doch eigentlich braucht es im seit Bestehen des Kapitalismus immerwährenden Auf und Ab des Konjunkturzyklus gar keinen äußeren Anlass. Der Aufschwung selbst trägt mit steigenden Löhnen und Preisen, mit sinkenden Gewinnen ja schon die Saat des Abschwungs in sich.

So gesehen, ist es vielleicht einfach an der Zeit. Die Expansion der deutschen Wirtschaftsleistung dauert schon seit dem Frühjahr 2009 an - bald zehn Jahre und damit ungewöhnlich lange, wenn man nicht die kurzzeitige Minirezession vom Winter 2012/2013 als Unterbrechung wertet.

Eine solche Unterbrechung erlebten wir auch im dritten Quartal dieses Jahres, als die deutsche Wirtschaft unter anderem wegen der schwachen Autokonjunktur leicht schrumpfte. Das wird zumeist eher als vorübergehende Delle gewertet, lässt sich aber auch als Warnzeichen lesen. Gemessen an den vorigen Prognosen, hat die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr vor allem Enttäuschungen geliefert.

Andererseits war der Aufschwung der 2010er Jahre auch nicht besonders stark, vor allem nicht stark genug, um den in der Finanzkrise zuvor erlittenen Einbruch vom früheren Wachstumspfad wieder wettzumachen. Ganz zu schweigen von anderen europäischen Ländern, in denen noch reichlich Potenzial an Arbeitskräften und Kapital ungenutzt ist. Der Dauerläufer könnte also durchaus noch weiterlaufen.

In den Details des Statistischen Bundesamtes zeigen sich die Gründe, warum selbst die Pessimisten unter den Konjunkturforschern ihre Prognosen noch immer über 1 Prozent Wachstum für 2019 halten (damit auf Höhe des wahrscheinlichen Ergebnisses für 2018, aber deutlich unterhalb der 2 bis 3 Prozent, die sie vor einem Jahr versprachen). "Eine Abkühlung, aber keine Rezession", sieht Clemens Fuest vom Münchener Ifo-Institut. Marcel Fratzscher vom Berliner DIW spricht von einer "sanften Landung".

Der Außenhandel treibt die Konjunktur zwar nicht mehr voran, aber die Binnennachfrage ist solide. Vor allem die Investitionen, die typischerweise dem Konjunkturzyklus vorangehen, wachsen weiterhin spürbar mit 0,8 Prozent im Quartalsvergleich. Der private Konsum ging im Herbst zwar (vor allem wegen ausgebliebener Autokäufe) zurück - doch angesichts des Rekordstands von 45 Millionen Beschäftigten, steigender Löhne und zum Jahreswechsel noch kommender staatlicher Kaufkraftimpulse dürfte dieser in der Regel nachlaufende Indikator das Bruttoinlandsprodukt weiter stützen.

Trotzdem gibt es Grund zur Sorge: Je mehr sich die Erwartung einer Rezession unter den Entscheidern der Wirtschaft verfestigt, umso mehr könnte sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung geraten - dann nämlich, wenn die Investitionspläne der Unternehmen nach unten angepasst werden, um befürchtete Überkapazitäten zu vermeiden. Deshalb ist die oben genannte Umfrage unter Finanzvorständen relevant. Der klassische Einkaufsmanagerindex geht ebenfalls seit Monaten zurück - steht für Deutschland aber noch einigermaßen komfortabel oberhalb der Schwelle von 50 Punkten, die eine wachsende von einer schrumpfenden Wirtschaft trennt.

Unter den Dax-Konzernen sind diejenigen in der Minderheit, die in diesem Jahr keine Gewinnwarnung abgegeben, also ihre bisherigen optimistischen Prognosen zurückgenommen haben. Rote Zahlen schreiben sie zwar ausnahmsweise alle nicht - aber die Zeiten stetig steigender Gewinne sind auch vorbei.

Da kann man sich ja schon mal fragen - nur für den Fall der Fälle -, wie die Welt für den Kampf gegen die nächste Rezession gerüstet ist.

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