Freitag, 22. März 2019

Deutsche Insolvenzverwalter warnen "Zombie"-Firmen in Deutschland droht Pleitewelle

Mehr tot als lebendig: In Sachsen-Anhalt und Sachsen gelten fast 12 Prozent aller Betriebe als gefährdet. Viele dieser "Firmen-Zombies" könnten im kommenden Jahr in die Insolvenz rutschen, sagen Experten voraus

Hochkonjunktur und Niedrigzinsen haben jahrelang die Schwächen von vielen Unternehmen verdeckt. Im kommenden Jahr droht diesen "Zombie"-Firmen die Pleite, sagen Insolvenzverwalter voraus. Zwei Branchen und zwei Bundesländer sollen besonders betroffen sein.

Der Insolvenzverwalter von Air Berlin, Lucas Flöther, sieht im kommenden Jahr eine Pleitewelle auf deutsche Unternehmen zurollen. "Die Insolvenzen steigen bereits wieder leicht und das wird sich nächstes Jahr deutlich verschärfen", sagte Flöther der Deutschen Presse-Agentur.

Der Insolvenzverwalter ist Sprecher des Gravenbrucher Kreises und vertritt damit die führenden Vertreter seiner Branche. Die Hochkonjunktur und die andauernde Niedrigzinspolitik überdecken laut Flöther, dass viele Firmen seit Längerem ohne wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell unterwegs sind.

Ähnlich argumentierte die Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel. Demzufolge starten bundesweit 305.000 Unternehmen mit finanziellen Problemen ins neue Jahr, die ein erhöhtes Insolvenzrisiko bedeuten. Besonders groß sei das Problem laut Mitteilung in Sachsen-Anhalt und Sachsen, wo jeweils fast 12 Prozent aller Betriebe als gefährdet eingestuft werden.

In Bayern und Baden-Württemberg sind laut Bürgel-Studie nur 6,4 bis 7,0 Prozent der Unternehmen in finanzieller Schieflage. Firmen, bei denen das billige Geld fehlende Geschäftsmodelle überdeckt, werden auch "Unternehmens-Zombies" genannt.

Autozulieferer, Handel und Ostdeutschland seien bedroht

Es gebe sie in allen Wirtschaftsbereichen, sagte Flöther, sie "treffen aber die Branchen besonders hart, die vom Abschwung betroffen sind". Der Handel etwa habe zuletzt schon steigende Insolvenzzahlen verzeichnet. Gerade bei den Autozulieferern sei nun das Ende des Aufschwungs spürbar. Die Nachfrage nach Sanierungsexperten steige, eine Reihe Insolvenzen sei schon gemeldet worden. Die Branche leide unter der Dieseldebatte und sinkender internationaler Nachfrage.


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Der Wandel zur Elektromobilität mache viele Komponenten, auf die Autozulieferer spezialisiert sind, überflüssig. "Die niedrigen Zinsen und die gute Konjunktur haben bei vielen Betrieben überdeckt, dass sie keine echte Fortführungsperspektive und keinen Plan für den Wandel in der Autobranche haben. Das wird jetzt zu Tage treten."

In Ostdeutschland gebe es viele Autozulieferer. "Gleichzeitig fehlen oft die über Jahrzehnte gewachsenen Familienbetriebe, die schwächere Phasen besser kompensieren können", sagte Flöther, der den Hauptsitz seiner Kanzlei im sachsen-anhaltischen Halle hat. Das Sterben der "Unternehmens-Zombies" sei aus seiner Sicht aber nicht beunruhigend.

Flöther sprach von einem "absolut gesunden Prozess", der regelmäßig zu beobachten sei. Anfang der 2000er Jahre traf es das Baugewerbe. "Später ist fast die ganze deutsche Solarindustrie in die Knie gegangen, weil die Module in Deutschland nicht mehr zu auskömmlichen Preisen hergestellt werden konnten." Aufhalten lasse sich das kaum. "Wenn einer ganzen Branche oder Branchenzweigen der Markt wegbricht, dann kann selbst der beste Sanierungsexperte nicht helfen."

rei/dpa

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